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"Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen."
(George Orwell, 1903-1950, britischer Schriftsteller)



28. April 2017, von Michael Schöfer
Der Rummel um Trump verdeckt den realen Kern des Problems


Deutsche Ökonomen sind eigenartig, so werden die Auswirkungen der deutschen Handelsbilanzüberschüsse konsequent ignoriert oder verharmlost. Das Problem liege bloß an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit unserer Handelspartner, verkünden sie lapidar. Allerdings würden sie sich bestimmt bitter beklagen, wenn unsere Handelspartner den Rat beherzigen und tatsächlich wettbewerbsfähiger würden, denn dann müssten wiederum die Überschüsse der Deutschen sinken. Wenn ein Staat Überschüsse erwirtschaftet, muss ein anderer logischerweise Defizite aufweisen. Dass alle Überschüsse erwirtschaften, ist so unmöglich wie ein Perpetuum mobile, die globale Handelsbilanz ist bekanntlich immer genau ausgeglichen. Solange sich in einzelnen Ländern Überschussperioden mit Defizitperioden abwechseln, im Rennen um die bessere Wettbewerbsfähigkeit also mal der eine und ein andermal der andere vorne liegt, ist das absolut unproblematisch. Brisant wird das Ganze jedoch, wenn Staaten wie Deutschland chronische Überschüsse und Staaten wie die USA chronische Defizite erzielen. Nur die Dosis macht das Gift. (Paracelsus)

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25. April 2017, von Michael Schöfer
Picobello in Schuss oder nur noch Schrott?


"Die verblödete Republik", ist mir da spontan eingefallen. Kein Wunder, wenn immer mehr Menschen Fake-News auf den Leim gehen oder Verschwörungstheorien Glauben schenken. Was ist passiert? Kürzlich habe ich gelesen, dass Deutschlands erfolgreichste YouTuberin bei Madame Tussauds Berlin verewigt wird. Und da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich mir mal angesehen, womit man heutzutage bei YouTube so viel Erfolg haben kann. In einem Video "prankt" (Pranks = Possen, Streiche) die YouTuberin ihren Freund, der frühmorgens schlafend im Bett liegt, indem sie ihm künstliche Fingernägel aufklebt, die er dann nicht mehr abbekommt. In einem anderen spielt sie ihm heulend und verzweifelt vor, sie sei schwanger. Witz komm raus, du bis umzingelt! In meinen Augen ein ebenso sinnfreies wie infantiles Gehabe. Dennoch hat die 24-Jährige auf ihrem YouTube-Kanal mehr als 4,4 Mio. Abonnenten, insgesamt kommt sie bislang auf stattliche 1,28 Mrd. Aufrufe. Unglaublich! Richtig geschockt hat mich allerdings, als ich anderntags in der Süddeutschen las, dass die YouTuberin damit Schätzungen zufolge ein Einkommen von 110.000 Euro erzielt. Pro Monat, wohlgemerkt. Sie hat sogar ihr Studium abgebrochen, um sich ganz auf YouTube konzentrieren zu können. Ich war baff.

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22. April 2017, von Michael Schöfer
Wie viele Finger halte ich hoch, Kemal Kiliçdaroglu?


In der Türkei wurde das Büro einer regierungskritischen Internetzeitung durchsucht, deren Chefredakteur festgenommen sowie dessen Computer und Mobiltelefon beschlagnahmt. Obendrein hat man die Website im Internet gesperrt. Dem Journalist Ali Ergin Demirhan werfen die Behörden vor, er erkenne das Ergebnis des Referendums über das Präsidialsystem nicht an und habe über soziale Medien zu Protesten aufgerufen. Ministerpräsident Binali Yildirim (AKP) wies Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu (CHP) auf die derzeit geltende Interpretation der Gesetze hin. Kiliçdaroglu überschreite die Grenzen der Rechtmäßigkeit, weil er die Menschen dazu verleite, gegen das Ergebnis des Verfassungsreferendums auf die Straße zu gehen.

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21. April 2017, von Michael Schöfer
Deutschland wenig kooperationsbereit


"Staaten haben keine Freunde, nur Interessen." Diese trockene Feststellung stammt von Charles de Gaulle, wird aber auch von vielen anderen geteilt. Natürlich enthält der fast schon machiavellistisch anmutende Satz einen wahren Kern, allerdings sind die Beziehungen zwischen Völkern dennoch selten utilitaristisch. Im Guten wie im Bösen spielen Emotionen häufig eine keineswegs zu vernachlässigende Rolle. Und es sind ja gerade die Politiker, die gerne auf der Klaviatur der Emotionen spielen, um ihre Ziele zu erreichen. Früher galten zum Beispiel Frankreich und Deutschland als sogenannte "Erbfeinde". Vom Beginn des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Ansicht als vollkommen normal bezeichnet und diesseits sowie jenseits des Rheins befürwortet. Auch wenn es jetzt den meisten Zeitgenossen absurd erscheint, damit konnte man die Völker sogar für Kriege begeistern. Die deutsch-französische Erbfeindschaft wurde bekanntlich 1870/71, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern ausgetragen. (Vorher waren übrigens jahrhundertelang die Türken unsere Erbfeinde.)

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17. April 2017, von Michael Schöfer
Die permanente Revolution von oben


51,37 Prozent für das Ja zur Verfassungsreform sind nicht gerade berauschend, aber es reicht für den von Recep Tayyip Erdogan geplanten Staatsumbau. Es ist kaum anzunehmen, dass das Referendum erfolgreich wegen Wahlbetrugs angefochten wird. Wirklich unabhängig sind die Gerichte in der Türkei nämlich nicht mehr. Zumindest eines ist unstreitig: fair ging es dabei nicht zu. In den Medien kam fast nur das Ja-Lager zu Wort, überall waren riesige Erdogan-Plakate zu sehen, und in zahlreichen Reden hat sich der Staatspräsident trotz seiner nach der alten Verfassung gebotenen Neutralitätspflicht vehement für die Verfassungsreform eingesetzt. Wenig verwunderlich, als Initiator profitiert er am meisten von der neuen, ganz auf ihn zugeschnittenen Verfassung.

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16. April 2017, von Michael Schöfer
Abschiedsbrief eines Voyeurs

(eine Glosse)

Du kennst mich nicht, aber ich kenne Dich, zumindest fast jeden Fleck Deines wunderbaren Körpers. Wir sind zusammen alt geworden, denn ich beobachte Dich schon geraume Zeit. Ich kenne sogar die Bilder, als Du Dir Deine Brüste noch nicht mit Silikon hast vergrößern lassen. Doch nach der OP sahen sie zugegebenermaßen viel schöner aus. Das war eine weise Entscheidung. Dass sie künstlich sind, hat mich nie gestört. Weiß man ja ohnehin nur, wenn man Deine frühen Bilder kennt. Außerdem sind Männer bekanntlich primitiv. Nur mit Deinen Lippen hättest Du etwas zurückhaltender sein sollen, die sind nämlich für meinen Geschmack viel zu aufgeblasen. Das ist nicht sinnlich, das wirkt billig. Sorry, ich weiß, der Konkurrenzdruck… Und heutzutage machen es alle. Aber entschuldigt das jede ästhetische Verirrung?

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14. April 2017, von Michael Schöfer
Gibt es in der Türkei keine Gewaltenteilung mehr?


Die Verwendung des Terminus "Auslieferung" in Bezug auf den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel führt in die Irre. Nach dem Europäischen Auslieferungsabkommen von 1957, dem auch die Türkei beigetreten ist, sind davon nämlich nur Straftäter betroffen. "Die Vertragsparteien verpflichten sich, gemäß den nachstehenden Vorschriften und Bedingungen einander die Personen auszuliefern, die von den Justizbehörden des ersuchenden Staates wegen einer strafbaren Handlung verfolgt oder zur Vollstreckung einer Strafe oder einer Maßregel der Sicherung und Besserung gesucht werden." (Artikel 1) Das, was die türkischen Behörden Deniz Yücel vorwerfen, Terrorpropaganda, Volksverhetzung und Spionage, würde man ihm hierzulande gar nicht zur Last legen, weil er bloß seiner Arbeit als Journalist nachgegangen ist. Yücels Artikel fallen definitiv unter die Presse- und Meinungsfreiheit. Wäre seine journalistische Tätigkeit strafbar, würden bei uns - wie in der Türkei - ganze Redaktionen im Gefängnis sitzen. "Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht." Yücel hat sich folglich gar keiner Straftat schuldig gemacht. Schlagzeilen wie "Erdogan schließt Auslieferung von Deniz Yücel an Deutschland aus" sind daher falsch, weil es sich vielmehr um eine "Freilassung" handeln würde.

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11. April 2017, von Michael Schöfer
Unsichere Zeiten


US-Admiral James Winnefeld, damals stellvertretender Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, verteilte Beruhigungspillen. Er war 2015 trotz eines anscheinend erfolgreichen Raketentests davon überzeugt, dass Nordkorea noch "viele Jahre" von der Entwicklung einer U-Boot-gestützten Interkontinentalrakete entfernt ist. Nordkorea wird sicherlich nicht so bald über eine Atomrakete interkontinentaler Reichweite verfügen, mit dem das Land die USA treffen könnte. Das las man jedenfalls noch vor kurzem in den hiesigen Leitmedien.

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07. April 2017, von Michael Schöfer
Ein Spiel mit dem Feuer


Es ist ein zynisches Spiel, was uns da in Bezug auf Syrien präsentiert wird. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Einerseits sollte erst nach Beweisen dafür gesucht werden, wer für den mutmaßlichen Giftgasangriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun verantwortlich ist. Andererseits ist es umso unverständlicher, wenn Russland sein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat dazu benutzt, genau diese unerlässliche Aufklärungsarbeit zu verhindern. Wäre das Assad-Regime wirklich unschuldig, könnte es durch eine akribische Untersuchung eigentlich nur gewinnen, schließlich ist der Einsatz von Chemiewaffen ein Kriegsverbrechen. Stünden die Rebellen als Täter fest, hätten sie etwa das Ganze selbst inszeniert, um amerikanische Angriffe auf die syrischen Streitkräfte zu provozieren, entzöge ihnen das wohl mit einem Schlag jegliche Unterstützung.

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05. April 2017, von Michael Schöfer
Den Blick auf die unzureichenden Investitionen richten


Natürlich ist die zunehmende Zersiedelung und die damit einhergehende Belastung von Mensch und Umwelt durch den motorisierten Individualverkehr wenig wünschenswert. Aber zu glauben, man könne diesen Trend durch eine Streichung der Pendlerpauschale umkehren, ignoriert die äußeren Zwänge, unter denen die Berufspendler zu leiden haben. Stefan Bach, Steuerexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, macht es sich leider viel zu einfach, wenn er das Pendeln kurzerhand als "private Entscheidung" deklariert. Er plädiert dafür, Steuervergünstigungen wie die Pendlerpauschale zu reduzieren. Wohnen und Arbeiten an einem Ort wäre zwar in der Tat vorteilhaft, ist aber für immer weniger Arbeitnehmer realisierbar. Wer die Pendlerströme zurückfahren möchte, muss deren Ursachen beseitigen. Also das, was die Menschen zum Pendeln zwingt.

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02. April 2017, von Michael Schöfer
Aprilscherze


Gestern war der Tag der "Fake-News". Früher nannte man das Aprilscherze, aber neuerdings werden ja nur noch Anglizismen unter die Leute geworfen. Die Crux bei Aprilscherzen ist: Entweder sind sie so gut oder wir sind zu blöd (sie als solche zu erkennen). Das Rheinneckarblog beispielsweise berichtete, dass die gerade eingeweihte neue Feuerwache der Mannheimer Berufsfeuerwehr wegen Baumängeln teilweise wieder abgerissen werden muss. Der Autor, Mathias Meder, beruhigte jedoch: "Ganz so schlimm wie am neuen Hauptstadtflughafen in Berlin ist es zwar nicht…" Wenn man das liest, denkt man gleich nach den ersten Sätzen an einen Aprilscherz. Aber ist das wirklich sofort erkennbar? Schließlich ist seit dem Drama um den "Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt" bei Bauvorhaben kein Dilettantismus mehr ausgeschlossen. Nicht einmal im Land der Ingenieure und Facharbeiter (ehedem Dichter und Denker).

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28. März 2017, von Michael Schöfer
Dreistes Bubenstück


Netter Versuch der Linken und ihrer Sympathisanten, den Sozialdemokraten die Niederlage bei der Landtagswahl im Saarland in die Schuhe zu schieben. Besonders dreist ist der Vorwurf, wenn er aus einer Ecke kommt, die normalerweise anderen permanent Manipulation oder Meinungsmache vorwirft, zum Beispiel das unzulässige Uminterpretieren von Zahlen. Zudem neigt man dort dazu, andere gerne abzukanzeln, etwa indem man ihnen totale Ahnungslosigkeit unterstellt ("er hat offensichtlich noch nie über … nachgedacht", "er versteht offensichtlich nichts von…", "er hat offenbar nicht kapiert, worum es geht" etc.). Das wirkt nicht nur belehrend und arrogant, sondern ist auch menschlich niederträchtig. Obendrein ist diese ruppige Form der "Debattenkultur" dem Austausch von unterschiedlichen Meinungen wenig förderlich. Und dann wundert man sich auch noch, wenn die Wählerinnen und Wähler angesichts eines derart intoleranten Umgangs mit Andersdenkenden angewidert Abstand halten.

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