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31. Dezember 1995, von Michael Schöfer
Entropie


Wie in der Physik die Naturgesetze, so walten im Bereich der Ökonomie die Marktgesetze, beide mit dem hehren und weithin unwidersprochenen Anspruch auf universelle Gültigkeit. Das weiß inzwischen jedes Kind. Nehmen wir beispielsweise den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik; er stellt fest, daß sich alles im Universum unwiderruflich auf ein Chaos zubewegt und dieses irgendwann sein Maximum erreicht. Mit anderen Worten: Der unabwendbare Endzustand ist das absolute Gleichgewicht. Fachidioten nutzen hierfür - wie so oft, wenn sie sich wirkungsvoll vom gemeinen Volk unterscheiden möchten - ein Fremdwort: Entropie. Inwieweit die Entropie auch für die Weltwirtschaft gültig ist, bedarf keiner gewissenhaften Analyse mehr, schließlich ist das eine unbestreitbare Tatsache, sozusagen ein Axiom (schon wieder dieses Fachchinesisch). Vordergründig wird hier zwar Ordnung produziert, welche aber paradoxerweise - so steht jedenfalls zu befürchten - im Chaos enden wird. Wissenschaftler haben unsere relativistisch-gequantelte Realität längst zu akzeptieren gelernt.

Demgegenüber ist unser Anspruchsdenken schlechterdings unwissenschaftlich und widerspricht eindeutig den Natur- bzw. Marktgesetzen. Das predigen uns die Herren Murmann, Stihl und Necker schon lange. "Wir müssen konkurrenzfähig werden, uns anpassen", so ihr schlichtes Fazit. Recht haben sie, nur glauben wollten wir das bislang nicht. Wo die Natur mit Macht regiert, kann der Mensch nun mal nichts richten. So ist es eben. Wenn dann das Monatseinkommen der Bundesbürger auf brutto 523 DM abgesunken ist, was 1993 genau dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Anteil am Weltsozialprodukt entsprach, wird die deutsche Wirtschaft jubeln: Das Gleichgewicht sei nun hergestellt, die angestrebte Konkurrenzfähigkeit endlich wieder erreicht, die Wissenschaft habe erwartungsgemäß triumphiert. Auch gegen die Einführung von harter Kinderarbeit werden wir uns angesichts der Thermodynamik letztlich nicht wehren können. Was kann man gegen Naturgesetze schon ausrichten? Nichts!

Ist dereinst alles zum Besten bestellt, wird man sich eines gewissen Karl Marx erinnern. Dieser Herr Marx forderte seinerzeit nachdrücklich die Einführung des absoluten Gleichgewichts, er hat es sogar als irdisches Paradies und Ziel der Menschheitsgeschichte prophezeit, den Weg dorthin quasi zum Naturgesetz erhoben. Nur nannte er es nicht Entropie, sondern Kommunismus. Und an einer falschen Bezeichnung sind, wie wir alle wissen, schon die besten Ideen gescheitert. Daß die Vertreter des Entropie-Gleichgewichts gleichzeitig die größten Gegner des Kommunismus-Gleichgewichts sind, macht die ganze Angelegenheit allerdings äußerst kompliziert. Gleichgewicht ist ungleich Gleichgewicht, wer kann so eine Formel schon verdauen geschweige denn verstehen? Im Zen-Buddhismus nennt man so etwas "Kôan", was eine von vornherein unsinnige Rätselfrage bedeutet, über die man bis zur geistigen Erschöpfung nachdenken, aber dennoch zur Erleuchtung kommen soll ("Wenn jemand beide Hände zusammenschlägt, entsteht ein Ton. Horch auf den Ton der einen Hand."). Wir können freilich nicht beurteilen, ob Murmann, Stihl und Necker noch im Bereich der geistigen Erschöpfung verweilen oder bereits zur Erleuchtung gekommen sind. Aber wichtig zu wissen wäre es schon. Weswegen? Nun, auch im Chaos muß alles seine Ordnung haben.