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13. August 1999, von Michael Schöfer
Glaube kontra Wissenschaft


Der Engländer John Lightfoot errechnete im Jahre 1642 anhand von Bibeldaten, daß die Welt am 17. September 3928 v. Chr. um 9 Uhr vormittags erschaffen worden sei. Wenig später korrigierte der Erzbischof von Amagh (Nordirland), James Ussher, den Schöpfungstag auf den 23. Oktober 4004 v. Chr. (ohne Uhrzeit!). Im vorigen Jahrhundert hat dann ein gewisser Charles Robert Darwin (1809-1882) die damals spektakuläre These vertreten, daß sich das Leben (also auch der Mensch) in schier endlos erscheinenden Zeiträumen aus einfachen Formen entwickelt habe. In die Lehrbücher hat das als "Abstammungslehre" oder "Evolutionstheorie" Eingang gefunden.

Jahrelang wurde Darwin als "Affentheoretiker" verspottet, doch durften wir uns seitdem aufgrund einer enormem Anzahl von absolut plausiblen Erkenntnissen der Illusion hingegeben, diese Frage sei zwischenzeitlich endgültig zugunsten der Wissenschaft geklärt. 114 Jahre (!) nach seinem Tod wurde Darwins Lehre sogar vom diesbezüglich eher als zurückhaltend zu bezeichnenden Vatikan offiziell anerkannt. Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften ließ nämlich vor drei Jahren unerwartet verlauten, der in der Bibel geschilderte Schöpfungsakt sei symbolisch zu verstehen. [1]

Anscheinend völlig falsch gedacht, denn soeben wurde, wie wir gerade lesen müssen, die Evolutionstheorie im US-Bundesstaat Kansas an den höheren Schulen kurzerhand von den Prüfungslisten gestrichen. Für die Anhänger der Schöpfungslehre ist das zweifellos ein enormer Erfolg. Man erlebt halt immer wieder faustdicke Überraschungen.

Müssen wir jetzt alle naturwissenschaftlichen Beweise auf die Müllkippe werfen? Diese Gefahr besteht zum Glück nicht, obgleich die Ignoranz offenbar zumindest in den USA gewaltig auf dem Vormarsch ist. Aber vermutlich bleibt diese Begebenheit bloß eine letztlich unbedeutende Episode des amerikanischen Bildungswesens, ein anachronistisches Strohfeuer religiöser Fundamentalisten (wie wir sehen, gibt es derartige Phänomene nicht nur im Islam). Andernfalls würden sich die Vereinigten Staaten selbst aus dem Kreis der Industrienationen herauskatapultieren. Eigentlich undenkbar. Es ist - nebenbei bemerkt - ein besonders kurioser Treppenwitz der Kulturgeschichte, daß so etwas ausgerechnet der führenden Raumfahrtnation passiert. Mit der Bibel wären die USA jedenfalls nie auf dem Mond, Verzeihung, auf der - nach Ptolemäus - Mondsphäre gelandet.

"Wer nichts weiß, muß alles glauben", lautet ein markanter Satz von Marie v. Ebner-Eschenbach. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 25.10.1996