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13. Februar 1997, von Michael Schöfer
Ist Kernkraft eine Lösung?

Angesichts der CO2-Probleme (Treibhauseffekt) plädieren manche für eine Renaissance der Atomenergie. Kann sie uns wirklich helfen?

Am 01.02.1996 waren weltweit 434 Kernkraftwerke in Betrieb, deren Anteil am Weltenergieverbrauch betrug aber lediglich 7,2 % (18 % der Weltstromproduktion). Um dem Treibhauseffekt beizukommen ist es jedoch notwendig, die globalen CO2-Emissionen in den nächsten 30 Jahren um 70 bis 80 % zu reduzieren. Hierfür bräuchte man bei Substitution fossiler Energieträger durch Kernkraft bis zum Jahr 2025 über 5.000 große Kernkraftwerke, wovon annähernd die Hälfte in der Dritten Welt liegen würden.

Daher müßte man von heute an bis zum Jahr 2025 alle zwei Tage ein neues Kernkraftwerk errichten. Schon allein aus finanziellen Gründen erscheint das wenig realistisch. Und Studien in den USA haben gezeigt, daß jede Mark, die in rationellere Energienutzung investiert wird, fast siebenmal soviel Kohlenstoff verdrängt wie eine in Kernenergie investierte (in der BRD wegen vergleichsweise geringer Energieverschwendung immerhin drei- bis fünfmal soviel). Rund ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland wird für die Raumwärme aufgewendet. Bei den privaten Haushalten erreicht dieser Anteil sogar fast 80 %. Wer es mit Klimaschutz und Kohlendioxidminderung ernst meint, muß dabei vor allem die immensen Energiesparmöglichkeiten im Gebäudebestand nutzen, hier liegen derzeit enorme Einsparpotentiale brach.

Ein besonderer Handlungsbedarf besteht bei Altbauten, da sich der Gebäudebestand gegenwärtig nur um 1 % pro Jahr erneuert. Was wir demnach dringend bräuchten, wäre eine für alle 23 Millionen Altbauwohnungen gültige Wärmeschutzverordnung (die 1995 novellierte gilt ausschließlich für Neubauten). Entsprechende Investitionen würden sich nach einiger Zeit von selbst amortisieren, außerdem bewirken sie bei den notleidenden Handwerksbetrieben beträchtliche Beschäftigungseffekte. Zwei Fliegen mit einer Klappe: CO2-Reduktion und Verbesserung der Arbeitsmarktlage. Kampf gegen die globale Erwärmung und gegen sämtliche Globalisierungstendenzen. Standort- und Umweltschutzprogramm zugleich.

Atomkraftwerke haben, wie herkömmliche Dampfkraftwerke auch, einen Wirkungsgrad von rund einem Drittel - zwei Drittel der eingesetzten Energie gehen verloren. Kombikraftwerke mit Dampf- und Gasturbine kommen bei Verfeuerung von Erdgas aber zu einem Wirkungsgrad von 47 %, erdgasbetriebene Brennstoffzellen erreichen sogar 50 bis 55 %. Bei Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung sollen Wirkungsgrade von bis zu 90 % durchaus möglich sein. Für die Übergangszeit, also bis zu einer nennenswerten Verwendung regenerativer Energiequellen (Windenergie, Solar-/Wasserstoffwirtschaft, Biomasse etc.), wären derartige Lösungen gewiß besser. Selbst die Apologeten der Kernkraft attestieren ihr nur den Charakter einer Übergangslösung, und bei der Auswahl sollte man sich gleich für die vorteilhaftere Alternative entscheiden. Kernkraft ist das nicht.

Das nukleare Bauprogramm wäre somit in hohem Maße ineffektiv, zudem läßt das nach wie vor ungelöste Atommüllproblem solche Absichten völlig absurd erscheinen. Wohin mit dem Müll? Weiterhin würde die Kontrolle über den nuklearen Brennstoff, mit der man den Bau von Atomwaffen verhindern möchte, außerordentlich erschwert oder ganz unmöglich. Atomkraftwerke sind folglich zur Lösung des CO2-Problems absolut ungeeignet. Die Bewältigung der Energie- und Umweltprobleme kann allein in der konsequenten Anwendung effizienter Energiespartechniken und der allmählich größer werdenden Nutzung regenerierbarer Energiequellen liegen. Uns bleibt - nüchtern betrachtet - kein anderer Ausweg.