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08. Februar 1997, von Michael Schöfer
Ist doch logisch


Viele Entdeckungen sind so simpel, daß man sich im nachhinein unwillkürlich die durchaus naheliegende Frage stellt, wieso man bei einigem Nachdenken nicht selbst darauf gekommen ist. "Hätte auch von mir sein können", sagen dann die meisten. Leider zu spät. Nehmen Sie beispielsweise den griechischen Philosoph Aristoteles (384 - 322 v. Chr.), der hat damals die Logik erfunden. Wie er darauf kam, ist bislang völlig ungeklärt. Aber daß Menschen nicht an zwei Orten zugleich sein können, hätte eigentlich schon viel früher auffallen müssen. Von der Gegenwart aus betrachtet ist die Erfindung der Logik also äußerst einleuchtend. Und es bleibt ein ungelöstes Rätsel der Geschichte, wie die Menschen vorher gedacht haben. Die Antwort "unlogisch" ist zwar leicht zur Hand, jedoch nur mit verständlicher Skepsis zu genießen.

Nun gut, wie auch immer, werden Sie sagen, das ist lange her und heute denken die Menschen natürlich anders. Logisch eben. Sie haben - oberflächlich betrachtet - zweifellos recht. Für den modernen Menschen, in Fachkreisen nennt man ihn bescheiden "Homo sapiens sapiens" (der weiseste unter den Weisen; das sind wir, falls Sie es noch nicht gemerkt haben), ist ein Leben ganz ohne Logik in der Tat vollkommen unbegreiflich. Ein Beispiel: Wäre der Urgroßvater von Aristoteles bei einem Autounfall ums Leben gekommen, wäre die Logik vermutlich bis zum heutigen Tag unentdeckt geblieben. Folglich würde es Ihnen jetzt auch nicht auffallen, daß es damals noch gar keine Autos gab. Was sagen Sie dazu? Das hätten Sie nicht gedacht, oder? Wissen Sie nun, wieviel wir Aristoteles zu verdanken haben?

Und wahrscheinlich hätten Sie immer noch keine Kenntnis davon, daß sich Relativitätstheorie und Quantenphysik weiterhin gegenseitig ausschließen. Nicht umsonst suchen Wissenschaftler krampfhaft nach der einheitlichen Feldtheorie. Bundeslandwirtschaftsminister Borchert nimmt - berufsbedingt - unerwartet großen Anteil daran (woran man sehen kann, daß es in der Regierung mit der Bildung wirklich nicht zum besten steht). Ich vermute, das interessiert Sie brennend. Höchstens Sie haben momentan andere, banalere Probleme (Sie sind doch nicht etwa arbeitslos?).

Doch die vorlogische Zeit ist in Wahrheit immer noch in uns. Rudimentär zwar, aber für aufmerksame Zeitgenossen dennoch deutlich spürbar. Denn was Ihnen 2300 Jahre nach Aristoteles tagtäglich aufgetischt wird, ist bei näherem Hinsehen alles andere als folgerichtig. Wirklich! Sehen Sie selbst: Zigarettenpackungen tragen gewöhnlich Aufdrucke wie "Der Bundesgesundheitsminister warnt: Rauchen gefährdet die Gesundheit" oder "Rauchen verursacht Krebs". Eigentlich völlig unlogisch, denn angesichts der Staatsverschuldung und des demographischen Aufbaus der Bevölkerung (mit allen daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Rentenversicherung), müßte der Aufdruck vielmehr lauten: "Der Bundesarbeitsminister informiert: Rauchen erhöht die Steuereinnahmen und schont die Rentenkasse." Oder verstehen Sie, warum die Bundesregierung das früher ausgezahlte Schlechtwettergeld in Höhe von 700 bis 900 Mio. DM gestrichen hat, nur um den jetzt stellungslosen Bauarbeitern 2 Mrd. Arbeitslosengeld zu überweisen? Ich jedenfalls nicht.

Kehren wir abschließend noch einmal zur Antike zurück. Einer der bekanntesten Sophisten, Gorgias von Leontinoi (485 - 380 v. Chr.), behauptete allen Ernstes, daß erstens überhaupt nichts existiere, zweitens, wenn doch etwas existieren würde, es jedenfalls unerkennbar wäre, und drittens, selbst wenn etwas erkannt werden könnte, solche Erkenntnis nicht mitteilbar wäre. Was heißt das, übersetzt in die heutige Zeit, konkret? Nun, liebe LeserInnen, ich weiß, daß Sie eigentlich gar nicht existieren (deshalb kann ich mir in der LIANE solche Artikel durchaus erlauben). Sollten Sie jedoch wider Erwarten existieren, werde ich das nicht erkennen (es sei denn, Sie schreiben angesichts des hier gezeigten Niveaus massenhaft vernichtende Kritiken). Und sollten Sie sich, ungeachtet Ihrer eigenen Nichtexistenz, trotzdem zum Schreiben aufraffen, werde ich das meinem Chefredakteur bestimmt nicht mitteilen (das wäre in hohem Maße unlogisch). Alles klar? Logo!

(Zur Erläuterung: Die LIANE ist die Kreisverbandszeitung von Bündnis 90/Die Grünen - KV Mannheim)