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23. April 1998, von Michael Schöfer
Präsidenten-Leid


Richard Nixon wurde seinerzeit (während der Watergate-Affäre) mit der einfachen Frage konfrontiert: "Was hat der Präsident gewußt, und wann hat er es gewußt?" Sie werden sich sicherlich noch erinnern. Ausgereicht zu seinem Sturz hat dies allemal. Als Beweismittel für die drohende Amtsenthebung dienten damals die von ihm selbst angeordneten Tonbandmitschnitte der Gespräche im Weißen Haus. Schön dumm, finden Sie nicht? Eigentlich hätte er es besser wissen müssen, denn einer seiner Amtsvorgänger, Abraham Lincoln (16. Präsident der USA), prägte den bedeutsamen Satz: "Man kann alle Leute eine Zeitlang an der Nase herumführen, und einige Leute die ganze Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit." Doch amerikanische Klassiker zu lesen war vermutlich nicht seine (Nixons) Stärke.

Heute ist die amerikanische Öffentlichkeit brennender an lebensnäheren Fragen interessiert. Beispielsweise: "Wen hat der Präsident wann und auf welche Weise sexuell belästigt?" Die Schlüssellochperspektive triumphiert (zum Glück hat Clinton im Oval Office keine Videoüberwachung installieren lassen). Alle anderen politischen Themen werden dabei ohne weiteres Aufsehen in die zweite Reihe verbannt. Außerdem ist das delikateste Beweismittel diesmal dem Präsident höchstselbst eigen: sein Geschlechtsteil. Gewisse Besonderheiten desselben (fragen Sie mich bloß nicht welche) könnten womöglich ebenfalls zur Amtsenthebung führen, zumindest wenn sie vor Gericht wiedererkannt werden. Der Begriff "Hosen herunterlassen", ein Synonym für rückhaltlose Offenheit, ist diesmal also durchaus wörtlich zu verstehen.

Nun, lassen wir uns überraschen. Nein, nicht wie Sie jetzt vorschnell annehmen, vom Corpus delicti, sondern vom weiteren Procedere. Und da in den USA praktisch alles via CNN in die große weite Welt hinausstrahlt, stehen uns gewiß noch viele spannende Fernsehstunden bevor. Ich freu' mich drauf. Ehrlich.