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26. Oktober 1996, von Michael Schöfer
Überraschung


Kulturpessimisten behaupten, unser modernes Leben sei im Grund genommen äußerst langweilig, nicht zuletzt deshalb boome die Freizeitindustrie. Beim "Bungee-Springen" oder "free-climbing" - so heißt es - hole sich der Mensch den notwendigen Thrill, um der für das Individuum relativ gefahr-, aber damit häufig auch reizlosen Industriekultur zumindest vorübergehend den Rücken kehren zu können. Emotionell, das weiß man spätestens seit Konrad Lorenz, stehen wir nach wie vor auf der Stufe eines Steinzeitmenschen. Alles andere ist lediglich Fassade. Eben mehr Schein als Sein. Die künstlich erzeugte Erlebniswelt, bemerken dazu manche Kritiker abschätzig, bestehe dagegen allein aus minderwertigen Ersatzhandlungen. Aber mal ehrlich, möchten Sie beim Waldspaziergang wirklich wieder von hungrigen Löwenrudeln gejagt werden? Wohl kaum. Oder wenn beim Einkaufen hinter der nächsten Mülltonne Grizzly-Bären lauern würden, da wären Sie doch - im negativen Sinne - überrascht, oder nicht? Bestrebungen, solcherlei Gefahren mit allen Mitteln zu unterbinden, sind in der Tat - Langeweile hin oder her - nahezu übermächtig, und das ist vollkommen verständlich. Da ist der Gang zur nächsten Achterbahn vergleichsweise ungefährlich, für den Adrenalinspiegel freilich kaum weniger stimulierend.

Gleichwohl fördert selbst das moderne Alltagsleben noch faustdicke Überraschungen zutage, worüber wir Ihnen heute berichten möchten. Oder hätten Sie gewußt, daß das kopernikanische Weltbild (Sonne als Mittelpunkt) die Realität wesentlich besser beschreibt als das ptolemäische (Erde als Mittelpunkt)? Nicht? Da sehen Sie, die Kirche hat's - im Gegensatz zu Ihnen - bereits gemerkt, und das schon im Jahr 1992. Da rehabilitierte sie nämlich den großen Astronom Galileo Galilei (1564 - 1642). Galilei schwor am 22. Juni 1633 dem von ihm zunächst favorisierten kopernikanischen Weltbild öffentlich ab und gab somit seinen "Irrtum" zu (die heilige Inquisition leistete bei diesem Erkenntnisprozeß nur in unwesentlichem Umfang Nachhilfe). Hätte er gar nicht gebraucht, so die unerwartete Meldung aus dem Vatikan, denn er lag mit seiner These durchaus richtig.

Wie lautet die Quintessenz des Ganzen? Die Wahrheit ist durch nichts und niemand aufzuhalten, wenn es dazu auch manchmal etwas länger braucht. In diesem Fall waren es letztlich zu vernachlässigende 359 Jahre. Oder, um mit Honecker zu sprechen: "Die Welt in ihrem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf." Er erfuhr es am eigenen Leib. Sie werden sich zu Recht fragen, was die römisch-katholische Kirche zur Richtigstellung veranlaßt hat. Nun, am 13.07.1991 berichtete die Frankfurter Rundschau über eine Allensbach-Umfrage. Danach waren in Westdeutschland von 2147 Befragten bemerkenswerte 11 Prozent der - wie wir jetzt wissen - irrigen Meinung, die Sonne drehe sich um die Erde. Da wir von Bundesbildungsminister Rüttgers (CDU) ständig darauf hingewiesen werden, wie wichtig gründliche naturwissenschaftliche Kenntnisse sind (angeblich der bedeutendste Standortfaktor), mußte irgendwer endlich mal aufklären. Und wer wäre hierfür geeigneter als der Papst? Keiner, wie wir schamhaft eingestehen müssen.

Es kommt noch besser. Wenn sich die Kirche schon mal der Aufklärung verschreibt, dann aber gründlich. Ein gewisser Charles Robert Darwin (1809 - 1882) vertrat im vergangenen Jahrhundert die These, daß sich das Leben (also auch der Mensch) aus einfachen Formen "entwickelt" habe. In den Lehrbüchern hat das als "Abstammungslehre" oder "Evolutionstheorie" Eingang gefunden. Lange wurde Darwin aufs gröblichste verkannt, seine kleine Anhängerschaft als "Affentheoretiker" verspottet. Wie ungerecht. Karol Wojtyla konnte dem natürlich nicht länger zusehen.

114 Jahre nach Darwin steht nun eindeutig fest: Die Abstammungslehre ist, wie kürzlich aus dem Vatikan offiziell verlautete, mit der katholischen Doktrin von der Erschaffung des Menschen durchaus vereinbar (Frankfurter Rundschau v. 25.10.1996). Der in der Bibel geschilderte Schöpfungsakt (erstes Buch Mose) ist nach Aussage der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften eher als symbolisch zu verstehen. Wenn das keine Überraschung ist, was dann? Wir sind spürbar erleichtert. Ohne Papst würden wir wohl immer noch an Adam und Eva glauben. Welche Folgen das für den Standort Deutschland hätte - kaum auszumalen. Der männliche Teil unserer geneigten Leserschaft möge aber vorsichtshalber die Anzahl seiner Rippen überprüfen. Fehlt eine, stimmt die Geschichte von Adam und Eva womöglich doch.

Wechseln wir rasch das Thema und kehren in die Niederungen der Finanzpolitik zurück. Frage: Wer verfügt in solch schwierigen Zeiten über üppige Erträge, zahlt hingegen keine müde Mark ans Finanzamt? Ministerialbürokraten (Lafontaine: Sesselfurzer)? Nein. Vorstandschefs? Nein. Politiker? Auch nicht. Sportstars? Nun... (Steffi lassen wir großzügigerweise unberücksichtigt) ...ebenfalls nein. Alles falsch (diese Frage ist zugegebenermaßen extrem schwierig). So viel steuerfrei zu verdienen ist heute leider nur einem ganz besonderes ausgewählten Bevölkerungskreis vorbehalten: den Hamburger Bettlern. Sind Sie jetzt überrascht? Wir auch, aber darauf kann nun wirklich keiner kommen. Okay, einer schon: Wir verdanken diese bahnbrechende Erkenntnis dem Hamburger FDP-Chef Hans-Joachim Widmann.

Und da die öffentlichen Kassen unter finanzieller Schwindsucht leiden, müßte es schon mit dem Teufel zugehen, wenn hier nicht irgendwie enorme Summen einzutreiben wären (Bettler gibt es dort ja genug). Sein Vorschlag: die Einführung der Bettelsteuer. Es sei, so Widmann, nicht hinzunehmen, wenn sich nach der Hälfte der Hamburger Millionäre auch noch die Bettler dem Steuerboykott anschließen würden. Bettlern sollte demzufolge umgehend ein "Steuerbescheid über die hochgerechneten Einkünfte" zugestellt werden. [1] Leider mußte Widmann - wie seinerzeit Galilei - widerrufen, seinen "Irrtum" anerkennen (die Presse, eine moderne Form der Inquisition, hat hier nur in unwesentlichem Umfang Nachhilfe geleistet). Schade, macht aber nichts. Wiedervorlage (siehe oben) im Jahr 2355. Gut Ding will Weile haben.

Zum Schluß nun die allergrößte Überraschung: Rauchen ist gesund! Zwar nicht für die Lunge und das Herz, aber wenigstens fürs Gehirn. Hätten Sie das gedacht? Nein? Dann sind Sie hundertprozentig Nichtraucher. Denn wie Forscher vom Baylor College of Medicine in Houston/Texas (USA) herausgefunden haben, hilft Nikotin beim Denken. Es verbessert die Kommunikation zwischen einzelnen Nervenzellen und erhöht damit die geistige Leistungsfähigkeit. [2] Wir, die rauchende Redaktion, haben das schon immer geahnt - jetzt ist es bewiesen.

Grundlegend neue Erkenntnisse müssen unweigerlich Folgen haben. Bekanntlich herrscht bei unseren Versammlungen uneingeschränktes Rauchverbot, wissenschaftlich gesehen ist dies allerdings absolut kontraproduktiv. Kein Wunder, daß die GRÜNEN bei Wahlen bislang nur rund 10 Prozent der Wählerstimmen einheimsen konnten. Verminderte Denkfähigkeit! Demnach sollten wir künftig Rauchen zur Pflicht erklären. Wir freuen uns schon auf die (im wahrsten Sinne des Wortes) zündenden Ideen, die demnächst den Kreisausschuß und die Mitgliederversammlung befruchten werden. EAST (na, Sie wissen schon, aber "Product Placement" gibt es in der LIANE natürlich nicht) sei gedankt.

Sie sehen, das Leben ist alles andere als langweilig. Im Gegenteil, es ist geradezu aufregend. Jeden Tag gibt es neue, positive Überraschungen. Folglich brauchen wir weder Kabelfernsehen noch Internet, höchstens eine ausreichende Anzahl an Zigaretten. Es kann so einfach sein. Nach dem Genuß von fünf Glimmstengeln muß sich die Redaktion an dieser Stelle jedoch bis zur nächsten Ausgabe verabschieden. Wie bitte, Sie behaupten, angesichts dieser Zeilen wäre die These von der segensreichen Wirkung des Nikotins auf das zentrale Nervensystem eindeutig widerlegt? Welch bodenlose Frechheit.

Für eine allen Entzugserscheinungen abgeneigte Redaktion:
Michael Schöfer

PS: Sollte Ihnen die vorliegende Ausgabe der LIANE leicht gelblich erscheinen - Sie wissen ja wovon



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[1] Frankfurter Rundschau v. 21.10.1996
[2] Frankfurter Rundschau v. 24.10.1996


(Zur Erläuterung: Die LIANE ist die Kreisverbandszeitung von Bündnis 90/Die Grünen - KV Mannheim)