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13. Mai 1998, von Michael Schöfer
Die Welt ist ungerecht


Das ist für Sie, unsere geneigten Leserinnen und Leser, bestimmt keine revolutionäre Feststellung. Trotzdem darf ich heute auf außergewöhnliche Umstände aufmerksam machen, die bei jedem an der Gerechtigkeit orientierten Erdenbürger (so etwas soll es, habe ich mir sagen lassen, wirklich noch geben) sämtliche Haare zu Berge stehen lassen (natürlich nur, sofern überhaupt noch welche vorhanden sind). Betrachten wir beispielsweise die miese Situation der deutschen Millionäre, 131000 gibt es davon inzwischen bei uns. Ihre gesellschaftliche Position ist jedoch extrem gefährdet. Nicht durch Revoluzzer, Erpresser oder den Fiskus, sondern durch den Euro. Denn bei einem Umtauschkurs von 2 zu 1 dürfte die Zahl der Millionäre nach Einführung der gemeinsamen europäischen Währung drastisch abnehmen. Nebenbei versaut uns das die mühevoll erstellten Statistiken, mit denen wir in der Vergangenheit auf die maßlose Ungerechtigkeit der Vermögensverteilung hingewiesen haben. Die Relation zwischen Millionären und Sozialhilfeempfängern läuft spätestens im Jahr 2002 (Ende der Währungsumstellung) völlig aus dem Ruder. Ich hab' die Schlagzeilen von BILD schon vor Augen: "Rot-Grün läßt Reiche massenhaft verarmen." Vermutlich wird sich der Paritätische Wohlfahrtsverband dann um zahllose psychisch angeschlagene Ex-Millionäre kümmern müssen.

Doch kommen wir zu ernsteren Themen: Vor ziemlich genau 150 Jahren hat ein gewisser Dr. Karl Marx eine bis dahin vollkommen unbekannte Krankheit entdeckt. Er taufte sie auf den Namen "Fusionitis". Die Konkurrenz (augenscheinlich ein äußerst lebenswichtiges Organ), so fand er heraus, stirbt unter bestimmten Voraussetzungen langsam aber sicher ab und ruft bei den Menschen schreckliche Mangelerscheinungen hervor. Er nannte das "Monopole". Diese könnten letztlich sogar zum Zerfall der gesamten Gesellschaft führen. Schuld an der ganzen Misere ist Marx zufolge allein die Fusion von großen, meist hierarchisch organisierten Menschenmassen. Gegenwärtig bezeichnet man solche Gebilde als "Global Player". Der Thesaurus von MS Word, das elektronische Sachwortverzeichnis, meint dazu: fusionieren = sich vereinigen = [lat.] kopulieren; es handelte sich also um eine damals neuartige Geschlechtskrankheit. Mysteriös an der Sache war, daß zwar nur eine kleine Minderheit (resistenter Stamm = Bourgeoisie) auf diese Weise - Verzeihung - kopulierte, aber ausschließlich die Mehrheit (anfälliger Stamm = Proletariat) darunter zu leiden hatte. Und an diesem Paradoxon beißen wir uns heute noch (oder erneut) die Zähne aus.

Ihm war angesichts seiner Entdeckung jedenfalls angst und bange. Das bekannteste Frühwerk von Marx enthielt aus diesem Grund den mahnenden Satz: "Ein Gespenst geht um in Europa" (Ferntourismus als Ursache der Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten war seinerzeit noch völlig unbedeutend). In späteren Schriften versuchte er seine Theorie zu vertiefen. Was er allerdings selbst nicht wußte: Marx litt bereits unter der schon in der Antike bekannten Intellektuellen-Seuche - dem Kassandra-Sibylle-Syndrom. Keiner wollte ihm glauben, daß seine Veröffentlichungen wirklich lesbar und zu verstehen sind. Ein Umstand, den er leider mit vielen vor und nach ihm (von Heraklit über Hegel und Heidegger bis hin zu Schöfer) teilen mußte. Erst jetzt, nach dem Ausbruch verheerender Fusionsepidemien (z.B. Daimler-Chrysler), kann man die phänomenale Geistesleistung des Trierer Landarztes wenigstens halbwegs nachzuvollziehen (das ZDF hat sich bereits die Filmrechte gesichert). In einer Welt, die zudem fast vollständig vom "Neoliberalismus" infiziert ist (Thesaurus: = Neoplasma = bösartiger Tumor), beginnt man langsam aber sicher an seine düsteren Prophezeiungen zu glauben.

Vor diesem Hintergrund bleiben die Grundsätze des Nobelpreiskomitees unverständlich und sind zweifellos absolut ungerecht. Nobelpreise dürfen nämlich nur an Lebende verliehen werden, posthume Auszeichnungen sind ganz und gar ausgeschlossen. Und wenn wir uns die Riege der bisherigen Nobelpreisträger betrachten, wird der Ärger über diese Fehlentscheidung nur noch größer. Ins Auge sticht dabei z.B. ein gewisser Becquerel (Nobelpreis 1903), der uns im Jahre 1986 - offenbar hochbetagt, aber nach wie vor bemerkenswert aktiv - von Tschernobyl aus mächtig geärgert hat. Rutherford (Nobelpreis 1908) hat - höchstwahrscheinlich ihre einzige Lebensleistung - in trivialen Kriminalfilmen die Miss Marple gespielt, Guillaume (Nobelpreis 1920) später sogar unseren Willy Brandt verraten. Und von Kellogg (Nobelpreis 1929) sind uns nur geschmacksarme Frühstücksnacks überliefert. Auch Robinson (Nobelpreis 1947) hat im Grunde nichts Besonderes geleistet, sondern lediglich - wie alle Arbeitnehmer heutzutage - auf Freitag gewartet. Angesichts dessen soll dann ein Genie wie Karl Marx nicht preiswürdig sein, obwohl er dafür gesorgt hat, daß in den Bücherregalen der ruhmreichen Sowjetunion mehr Kapital herumlag als Fort Knox jemals in den Tresoren aufbewahren wird?

Jetzt ahnen Sie zumindest, woher der Spruch kommt "Undank ist der Welten Lohn". Weitere Belege für die Behauptung, die Welt sei ein einziges Jammertal, brauche ich Ihnen wohl nicht zu präsentieren. Wenn doch, haben Sie den Ernst der Lage zu meinem größten Bedauern immer noch nicht erkannt (genauso wie Bill Gates, der die Qualität seiner Programme nach wie vor als "ausgezeichnet" beurteilt).

PS: Es ist wahr, daß ich dank meiner umfassenden Kenntnis wissenschaftlicher Sachverhalte vom Mannheimer Morgen ein Angebot erhielt, demnächst in die dortige Redaktion einzutreten, um künftig über so wichtige Themen wie die Jahreshauptversammlung von Hühnerzüchtervereinen und dergleichen zu schreiben. Sie werden es sicherlich begrüßen, wenn ich Ihnen sage, daß ich dieses verlockende Angebot abgelehnt habe. Denn der LIANE bleib' ich auf ewig treu...

...flog da gerade eine faule Tomate vorbei? Wie ungerecht. Das hat man nun davon.

(Zur Erläuterung: Die LIANE ist die Kreisverbandszeitung von Bündnis 90/Die Grünen - KV Mannheim)