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19. September 2001, von Michael Schöfer
Konsequenzen aus dem Terroranschlag auf die USA


Kein Zweifel, der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington ist unstreitig der schrecklichste, der jemals verübt wurde. Er ist ein elementarer Angriff auf die Demokratie und die offene Gesellschaft, insofern gilt er uns allen. Und er wird sehr wahrscheinlich den Verlauf der Weltgeschichte entscheidend beeinflussen, man darf diesbezüglich also ruhig von einer historischen Zäsur sprechen. Die realen Konsequenzen daraus sind aber bislang, knapp eine Woche nach dem Anschlag, noch nicht absehbar, denn wie die westliche Staatengemeinschaft konkret auf den Terrorakt reagieren wird, bleibt vorerst völlig offen.

In den USA bereitet man sich unterdessen auf einen umfassenden, möglicherweise mehrjährigen Feldzug gegen den Terrorismus vor. US-Präsident George W. Bush spricht neuerdings sogar von einem langem "Kreuzzug", und nährt damit abermals Zweifel an seinen intellektuellen und staatsmännischen Fähigkeiten. Eigentlich müßte der mächtigste Mann der Welt doch wissen, welch negative Assoziationen er in der islamischen Welt mit dem Gebrauch dieses Terminus auslöst. Zudem bestätigt er dadurch leichtsinnigerweise die Fundamentalisten, die ja als Rechtfertigung für ihre Greueltaten haargenau das behaupten, der Westen wäre auf einem Kreuzzug gegen den Islam. Fürwahr unfaßbar. Wenn man nicht aufpaßt, hat man demnächst wirklich die gesamte islamische Welt zum Gegner, nicht nur eine gewaltbereite Minderheit. Dann würde das bittere Realität, was sich die Fanatiker sehnlichst wünschen: Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" (Clash of Civilizations). Die bevorstehende Auseinandersetzung zu einem Kampf zwischen Christentum und Islam zu stilisieren, wäre daher verhängnisvoll. Anders gesagt: Man muß die Angelegenheit differenziert betrachten.

Nebenbei bemerkt wäre Vergeltung, sofern man das Christentum bei uns im Westen wirklich ernst nehmen würde, strikt untersagt. Ich mache mir diese Forderung zwar nicht zu eigen, aber in der Bergpredigt heißt es nun mal lapidar "Liebt euere Feinde" und "Leistet dem, der Euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin". Der alttestamentarische Rachegott ("Auge für Auge, Zahn für Zahn") mag in diesen Tagen ein Synonym sein für die außenpolitischen Absichten der USA, dem Christentum (Neues Testament) entsprechen diese Absichten hingegen nicht. Bedauerlicherweise interessieren in Krisenzeiten solche Feinheiten noch weniger als sonst.

Die Nato sollte jetzt in aller Ruhe ihre Optionen überdenken und anschließend mit kühlem Kopf agieren, denn mit unbedachten Maßnahmen, bei denen der emotional durchaus verständliche Ruf nach Rache im Vordergrund steht, wird man die Situation erheblich verschärfen. Emotionen dürfen niemals zur Grundlage unserer Politik gemacht werden, so heftig sie auch sein mögen. Die aktuellen Herausforderungen kann man nur mit Vernunft bewältigen. Wohin das andernfalls führen kann, ist in den Annalen des August 1914 beschrieben: Die einmal entfachte Kriegsbegeisterung wurde gleichsam zum Selbstläufer und lenkte die Völker Europas geradewegs in den I. Weltkrieg. Es wäre fürchterlich, wenn wir uns in Kürze in einer verheerenden und nicht mehr beherrschbaren Gewaltspirale wiederfinden würden. Die Politiker sind deshalb zu einem Mindestmaß an Rationalität verpflichtet, dafür sind schließlich gewählt.

Andererseits müssen die Täter dieses beispiellosen Anschlags und deren Hintermänner unzweifelhaft gefaßt und vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, denn dieses abscheuliche Verbrechen darf nicht fatalistisch hingenommen werden bzw. ungesühnt bleiben. Die Attacke muß folglich drastische Konsequenzen nach sich ziehen - notfalls auch militärische. Das ist völlig legitim. Freilich dürfen militärische Maßnahmen nur die Ultima Ratio sein, zunächst sind alle politischen und diplomatischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Außerdem müssen gesicherte Erkenntnisse über den Täterkreis vorliegen, überstürzte Urteile (das Attentat in Oklahoma City im Jahr 1995 läßt grüßen) sind unbedingt zu vermeiden, denn sie bieten keine akzeptable Handlungsgrundlage.

Sämtliche Aktionen sollten darüber hinaus die Verhältnismäßigkeit der Mittel beachten und zugleich vom Völkerrecht gedeckt sein, denn man kann Unrecht nur mit Recht bekämpfen. Zivilisation bedeutet ja gerade, sich unter allen denkbaren Umständen - auch als schier allmächtige Supermacht - an Recht und Gesetz zu halten. Diese Maxime ist konstituierend für die westliche Gesellschaftsordnung. Das Recht des Stärkeren, das Faustrecht, ist als Maxime unseres Handelns vollkommen ungeeignet, denn hierdurch würden wir letztlich unsere eigene Identität aufs Spiel setzen und den Unterschied zwischen uns und den Terroristen nivellieren. Es geht bei dem Ganzen also nicht um das Ob, sondern um das Wie.

Mit der Tötung von Unschuldigen würde sich der Westen moralisch und juristisch auf die gleiche Stufe stellen. Mord ist Mord. Damit spielt man dem Terrorismus sogar unabsichtlich in die Hände. Terrorgruppen können erfahrungsgemäß nur dann dem enormen Fahndungsdruck der Behörden widerstehen und langfristig erfolgreich sein, wenn sie von nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung unterstützt werden. Sie brauchen das wie der Fisch das Wasser. Jede Handlung unsererseits, mit der wir uns selbst ins Unrecht setzen, würde den Beistand für die Täter nur vergrößern, ihnen den Nachwuchs förmlich in die Arme treiben.

Ein Guerillakrieg in einem sogenannten "Schurkenstaat" ist unter solchen Bedingungen, wie die Erfahrungen der Sowjetunion in Afghanistan drastisch gezeigt haben (rund 14.000 russische Soldaten verloren dabei ihr Leben), schlechterdings nicht zu gewinnen. Von einem umfassenden und globalen Sieg über den Fanatismus (gleich welcher Couleur) ganz zu schweigen. Vermutlich ist das eh nur eine Illusion. Wird in den islamischen Ländern die jetzt schon vorhandene Abneigung gegenüber dem Westen beträchtlich verstärkt, könnte das, etwa bei einem radikal-islamistischen Putsch im Atomwaffenstaat Pakistan, unabsehbare Folgen haben. Kurzum, blindwütige Rache ist deshalb prinzipiell kontraproduktiv und schon allein von daher ganz und gar ungeeignet.

Fundamentalisten gibt es überall. Leider. Doch warum gedeiht momentan gerade der islamische Fundamentalismus so gut? Liegt es nicht auch an der wachsenden ökonomischen Ungleichheit (Stichwort: Globalisierung), die die Reichen immer reicher macht und die Armen immer ärmer? Schürt nicht die unerträgliche Doppelmoral des Westens (Stichwort: Israel) in erheblichem Maße die Haßgefühle der islamischen Welt? Beruht der Wunsch nach Distanz und Eigenständigkeit nicht ebenso auf der kulturellen Arroganz des "american way of life", dem westlichen Lebensmodell, das ganz auf Konsum ausgerichtet ist und alle sonstigen Werte zu dominieren scheint? Bei den Entwurzelten und Ungebildeten folgt in so einem Fall nicht selten der Rückgriff auf die vermeintlich einfache Lösung: die Religion. Im Islam äußert sich das derzeit im Erstarken von radikalen, antiwestlichen Strömungen. Die Rattenfänger frohlocken und gewinnen Auftrieb.

Dennoch ist der Islam, ebenso wie das Christentum, äußerst heterogen. Und so wie man in der Bibel für jeden beliebigen Zweck irgendein nützliches Zitat finden und mißbrauchen kann, gibt es auch hier unterschiedliche Interpretationen des Koran. Das Spektrum in der islamischen Welt reicht von großer Toleranz und Friedfertigkeit bis hin zur häßlichen Fratze des Terrorismus, das wir in New York gesehen haben. Bei uns im Westen ist das, siehe Oklahoma City, nicht anders. Oft wird Religion lediglich für andere, mehr im verborgenen liegende Ziele instrumentalisiert. Leider nehmen wir nur jene Kräfte wahr, welche durch spektakuläre Umtriebe auf sich aufmerksam machen; andere, gemäßigtere blenden wir schlicht aus. Derartige Ignoranz gebiert natürlich Vorurteile. Und die sind stets gefährlich.

Genauso wenig wie im Dritten Reich jeder Deutsche ein Nazi war, sind Moslems per se Terroristen respektive Sympathisanten. Es kommt immer auf den Charakter und das konkrete Handeln von Individuen an, pauschale Verurteilungen sind aus diesem Grund absolut fehl am Platze. Daher hilft uns billiger Populismus bei der Analyse dessen, was gegen den Terrorismus nützen kann, nicht weiter. Im Gegenteil, sämtliche Klischees führen bloß in die Irre und können leicht in einem Desaster enden. Für Hysterie, innen- wie außenpolitisch, besteht keinerlei Anlaß. Die Freiheit abzuschaffen, um sie zu schützen, wäre einfach absurd. Demzufolge sind alle mit heißer Nadel gestrickten Einschränkungen der Bürgerrechte mit großer Vorsicht zu genießen. Fraglich ist ferner, ob dergleichen überhaupt irgend etwas verhindert hätte. Höchstwahrscheinlich nicht.

Es ist an der Zeit, unsere Politik in vielen Bereichen kritisch zu hinterfragen. Eine Forderung, die angesichts des Terrorakts in New York unpassend erscheint und gewiß als Zurückweichen vor dem Terrorismus ausgelegt wird. Gleichwohl ist sie notwendiger denn je. Abgrundtiefer Haß, wie er dort offen zutage getreten ist, hat zweifelsohne Ursachen, die man aber keinesfalls negieren darf. Sich jetzt allein auf das Militärische zu beschränken, käme trotz massiver Überlegenheit einer wahren Sisyphusarbeit gleich und würde wohl kaum zu den gewünschten Ergebnissen führen. Auf diese eindimensionale Art und Weise wird man den Sumpf des Terrorismus wohl nie trockenlegen.

Ein guter Arzt bekämpft die Ursachen der Krankheit, nicht bloß die Symptome. Mit anderen Worten: Man muß dem Terrorismus den sozialen Nährboden entziehen. Deshalb sollte vor allem der Kampf gegen Armut, Dummheit und Intoleranz im Vordergrund stehen. Armut bekämpft man mit Wirtschaftshilfe, Dummheit mit Schulbildung und Intoleranz mit Güte und Gerechtigkeit. Schulbücher sind unter Umständen wirkungsvoller als Bombardements. Hierbei kommt es hauptsächlich darauf an, wie glaubwürdig der Westen seine eigenen Werte (Demokratie, Menschenrechte, Solidarität etc.) vorlebt. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Heuchelei und Zynismus sind die Krankheitsüberträger, der auf uns niederprasselnde Terrorismus lediglich das Symptom. Nichts könnte hierfür repräsentativer sein, als Franklin Delano Roosevelts (1882-1945) Äußerung über den nicaraguanischen Diktator Somoza: "Ich weiß, daß er ein Hundesohn ist, aber wenigstens ist er unser Hundesohn."

Doch die Torheit der Regierenden ist leider immens: Presseberichten zufolge hat Israel einst die Gründung der radikalen Islamistenorganisation "Hamas" gefördert. Das als Gegengewicht zur PLO ins Leben gerufene Kind ist jedoch mittlerweile überraschend selbständig geworden und längst aus dem Ruder gelaufen, denn die "Hamas" verübt jetzt grausame Selbstmordattentate im israelischen Kernland. Osama bin Laden, gegenwärtig Amerikas Staatsfeind Nr.1, durfte sich anfangs, bei seinem Kampf gegen den Kommunismus, der tatkräftigen Unterstützung der Vereinigten Staaten erfreuen. Zum Dank dafür hat er jetzt vermutlich den Anschlag das World Trade Center zu verantworten. Auch der Iraker Saddam Hussein mutierte nach der Invasion Kuwaits abrupt vom "good guy" zum "bad guy". Diese drei Beispiele zeigen, wohin politische Kurzsichtigkeit führen kann. Ob man mit der Hilfe für die "UCK" nicht einen ebenso schweren Fehler begangen hat, wird sich noch herausstellen - spätestens dann, wenn deren Träume von einem Großalbanien am Widerstand des Westens zu zerplatzen drohen. Vorerst steht das freilich noch auf einem anderen Blatt.

Es muß sich also vieles ändern. Viel mehr, als wir durch militärische Maßnahmen je erreichen können. Die entscheidenden Veränderungen liegen auf dem Feld der Politik und der Wirtschaft, man kann sie nicht kurzerhand herbeibomben. Vor Pyrrhussiegen sei also nachdrücklich gewarnt. Wenn sich jedoch die Marginalisierung eines Großteils der Weltbevölkerung weiter fortsetzen, ja sogar verstärken sollte, darf man nicht auf nachhaltige Besserung hoffen. Dann werden wir weiterhin große Probleme haben; es droht der permanente Krieg. Sicherheit erhalten und alle ökonomischen Bonuspunkte besitzen, beides zugleich ist unmöglich. Irgendwo muß man Abstriche machen. Wir können den Terrorismus besiegen, aber wir sind zu diesem Zweck verpflichtet, den verelendeten Massen in der Dritten Welt eine realistische Perspektive zu eröffnen. Wer nichts hat, hat nichts zu verlieren. Die Selbstmordattentate in den USA haben uns das schmerzhaft vor Augen geführt.