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14. März 1994, von Michael Schöfer
Quo vadis Mannheimer Morgen?


Der "Mannheimer Morgen" ist ein regionales Monopolblatt, bedauerlicherweise kann in Mannheim keine andere Tageszeitung ernsthaft mit ihm konkurrieren. Konservativ ist das Blatt schon lange, inzwischen paßt es sich allerdings vermehrt der neurechten Stimmung im Lande an. Kritische, ausgewogene Kommentierung findet immer weniger statt. Einseitigkeit ist Trumpf. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist ein übler Kommentar von Martin Tangl, in dem er zwar einerseits "kein Verständnis" (so der Titel im MM v. 17.01.1994) für die Krawalle am Alten Meßplatz aufbringt - zu Recht, wie ich meine -, andererseits jedoch subtil das rechtfertigt, was vor 50 Jahren als "gesundes Volksempfinden" bezeichnet wurde.

Tangl schreibt: "Wer kann den Leuten verdenken, wenn einige angesichts der Zerstörung Arbeitslager für die Täter fordern?" Indirekt, verschämt formuliert als Frage (typische BILD-Methode), hat er also doch Verständnis, freilich bloß für die Forderung nach Arbeitslager. Damit wird von ihm die rechtsradikale Stimmung im Land nur noch weiter angeheizt, denn Arbeitslager gab und gibt es allein in Diktaturen. Arbeitslager passen nicht zur "Würde des Menschen" (Art. 1 GG), nicht zum aufgeklärten Rechtsstaat und schon gar nicht zur Demokratie. In Deutschland existierten sie zuletzt zwischen 1933 bis 1945 - bei den Nazis. Das müßte Herr Tangl eigentlich wissen. Hat er etwa in der Schule gefehlt? Wer entsprechende Forderungen nicht übelnimmt, ganz gleich in welchem Kontext sie geäußert wurden, billigt sie. In letzter Konsequenz bedeutet das Brandstiftung mit dem Textcomputer.

Entweder ist die Passage bewußt in seine Kommentierung eingeflossen, oder sie ist Resultat absoluter Gedanken- und Geschichtslosigkeit. Beide Möglichkeiten stellen den journalistischen Fähigkeiten Tangls ein nicht gerade überragendes Zeugnis aus. Aber ebenso muß sich die Chefredaktion des MM kritische Fragen nach ihren Motiven gefallen lassen. Fährt inzwischen auch die konservative Presse auf die radikalen Rezepte der Rechten ab? Steht sie nur noch formal (als Fassade) zur Demokratie? Wo soll das hinführen? Zur Hugenberg-Presse der Weimarer Zeit? Hoffentlich nicht. Vielleicht hat die Leitung, so die denkbar harmloseste Erklärung, ihren Laden einfach nicht im Griff. Kontrolliert dort keiner, was morgens in der Zeitung steht? Haben Redakteure Narrenfreiheit? Selbst das würde nicht allzu sehr zur Beruhigung beitragen.

Pressefreiheit ist in der Demokratie unverzichtbar, aber sie ist auch eine Verpflichtung. Will die Chefetage des Mannheimer Morgen Qualität nicht völlig aus den Augen verlieren, ihrer journalistischen Verantwortung also nachkommen, sollte sie sich öffentlich vom Inhalt des Kommentars distanzieren und für die Zukunft Besserung geloben. So geht es schließlich nicht. Oder inzwischen doch - zumindest beim MM?