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14. Februar 2006, von Michael Schöfer
Der Blick auf die anderen

In den vergangenen Jahren ist der Antagonismus zwischen dem Islam und dem Westen vermehrt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. So haben nicht zuletzt die gewalttätigen Reaktionen der islamischen Welt auf die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" im Westen zunehmend Zweifel geweckt, ob die unbestreitbar vorhandene tiefe kulturelle Kluft zwischen den beiden Systemen wirklich überwindbar ist. Vielfach wird hierzulande mit Bezug auf das Buch "The Clash of Civilizations" von Samuel P. Huntington ausdrücklich von einem "Kampf der Kulturen" gesprochen. Dabei ist schon die deutsche Übersetzung des Titels unglücklich gewählt, weil "clash" wörtlich übersetzt "Zusammenstoß" bzw. "Zusammenprall" bedeutet. Und zwischen "Kampf" und "Zusammenstoß" kann schließlich ein erheblicher Unterschied bestehen. "Kampf" wird in der Regel mit Krieg gleichgesetzt, ein "Zusammenstoß" muß dagegen nicht unbedingt mit Waffengewalt ausgefochten werden. Wenn zwei Kulturen zusammenstoßen, können sie ihren Konflikt auch friedlich lösen.

Unterschiede zwischen dem Westen und dem Islam sind weder zu negieren noch zu verharmlosen. Der Konflikt ist ohne Frage ernst. Die westlichen Demokratien haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte weitgehend säkularisiert und einen Wertekanon entwickelt, bei dem die Freiheit des Individuums Priorität genießt. Im Islam spielt die Religion eine ungleich gewichtigere Rolle, außerdem steht hier mehr die Gemeinschaft im Vordergrund. Menschenrechte, Demokratie, Trennung von Staat und Religion - das alles ist in den islamischen Staaten, sofern überhaupt vorhanden, vergleichsweise unterentwickelt. Das Hauptproblem ist jedoch die starke Gewaltbereitschaft der Islamisten. Die radikalen Moslems haben die Auseinandersetzung mittlerweile in die Städte des Westens getragen (New York, London, Madrid etc.) und damit in diesem Konflikt ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Die Frage bei dem Ganzen ist freilich, ob wir den Konflikt richtig beurteilen. Immerhin beziehen wir unsere Informationen ausschließlich durch den Filter der westlichen Medien. Und dieser Filter blendet uninteressante Dinge fast vollständig aus. Gewalttätige Ausschreitungen dürfen hingegen der Aufmerksamkeit der Weltpresse von vornherein sicher sein. Wenn also in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, "mehrere hundert aufgebrachte Moslems" gegen die Mohammed-Karikaturen demonstrieren und in die dänische Botschaft eindringen, ist das immer eine Meldung wert, so beispielsweise der "Welt" vom 03.02.2006. Doch Indonesien, das volkreichste islamische Land, hat nach Angaben des Auswärtigen Amtes ca. 210 Mio. Einwohner, davon sind 88 Prozent Moslems. Ohne die gewiß riesige Verärgerung über die Karikaturen bei der Mehrheit der Moslems in Abrede stellen zu wollen, "mehrere hundert" aufgebrachte und militante Moslems sind zweifellos nur eine winzige Minderheit. Was der indonesische Normalbürger denkt, vor allem wie er sich verhält, nämlich offenbar entgegen des von den Medien hervorgerufenen Eindrucks überwiegend friedlich, ist indes keine Berichterstattung wert.

Unser Bild vom Islam ist deshalb verzerrt und kaum repräsentativ zu nennen. Der Islam besteht aus vielen unterschiedlichen Schattierungen, und bekanntlich sind nicht alle Moslems verkappte Terroristen. Dennoch denkt im Westen das Gros Menschen beim Stichwort Islam in erster Linie an den Terror. Diese eindimensionale Wahrnehmung ist nicht nur das Resultat der von islamischen Fundamentalisten verübten Anschläge, sondern in gleichem Maße auf die häufig allzu schlichte Sicht der Medien zurückzuführen. Die Tatsache, daß bei den Moslems die meisten Menschen genauso friedlich sind, wie die überwiegende Mehrheit der Menschen bei uns, geht dabei total unter. Differenzierte Betrachtungen haben jedenfalls zur Zeit Seltenheitswert.

Umgekehrt ist natürlich zugleich das Bild der Moslems vom Westen verzerrt. So ist etwa der weltweit ausgestrahlte Schrott Marke Hollywood keineswegs repräsentativ für die westliche Gesellschaft. Würden diese Filme tatsächlich die amerikanische Realität widerspiegeln, müßte es in dort an jeder Straßenecke Feuergefechte oder Explosionen geben. Und wären die Plots derselben charakteristisch für die westliche Kultur, müßten wir ein Volk von einfältigen Dummköpfen sein. Hier hat Intelligenz nämlich leider Seltenheitswert. Doch die islamische Welt dürfte uns hauptsächlich durch diesen grotesk überzeichneten Filter betrachten.

Hinzu kommt die militärische Präsenz des Westens. In etlichen islamischen Ländern gibt es eine sichtbare militärische Präsenz des Westens, zumindest existiert ein großer politischer Einfluß auf die dortigen Despoten. Eine militärische Präsenz der islamischen Staaten, die über ihr eigentliches Territorium hinausgeht, fehlt demgegenüber völlig. Ihr politischer Einfluß reduziert sich hauptsächlich auf die Rolle als Lieferant von ökonomisch lebenswichtigen Energierohstoffen (Erdöl, Gas). Mit anderen Worten: Das Gefühl der Unterlegenheit, das viele Moslems empfinden, hat durchaus einen realen Hintergrund. Ob selbstverschuldet oder nicht, ist in diesem Zusammenhang ohne Bedeutung. Wir würden auf eine vergleichbare militärische Präsenz oder einen ähnlich dominierenden politischen Einfluß von "Kulturfremden" genauso abweisend reagieren. Trotzdem halten wir unsere dortige Präsenz für normal.

Ich plädiere nicht für eine Aufgabe der westlichen Prinzipien, weil ich diese für unverzichtbar halte. Allerdings spreche ich mich für eine differenzierte Betrachtungsweise aus. Der kulturelle Konflikt (nicht Kampf) ist m.E. auf friedlichem Weg zu lösen. Der Terror muß selbstverständlich konsequent bekämpft werden, aber wir sollten uns nicht die islamischen Völker zum Feind machen. Unter Umständen können wir auf diese Weise bei der Gegenseite eine ebenso differenzierte Betrachtungsweise hervorrufen. Wenn auf beiden Seiten nur die Scharfmacher triumphieren, mündet der Konflikt unweigerlich in einen heißen Krieg. Zwar ist der Westen militärisch haushoch überlegen, ein asymmetrischer Kampf ist dennoch auf Dauer nur schwer durchzuhalten. Vietnam läßt grüßen. Und sollte in absehbarer Zeit eine "islamische Bombe" existieren, könnte der Konflikt sogar verheerende globale Auswirkungen haben. Wenn wir nicht hüben und drüben an die Vernunft der Mehrheit appellieren, könnte es folglich für alle böse enden.