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24. März 2004, von Michael Schöfer
Der Weg zum Erfolg: richtig schwindeln


Du sollst nicht lügen, befiehlt zwar das neunte Gebot, doch das gilt natürlich nur offiziell. Inoffiziell wird gelogen, daß sich die Balken biegen, gerade in der Politik oder in der Wirtschaft. Das wissen wir schon seit langem, nicht erst seit dem Platzen der Internet-Blase und dem Niedergang von EM-TV. Doch die Welt dürstet danach belogen werden, denn ihre Sympathie gehört bekanntlich, allen Unkenrufen zum Trotz, nach wie vor den Blendern. Aber die Lügen dürfen nicht plump daherkommen, und schon gar nicht dürfen sie leicht zu durchschauen sein. Laß dich nicht erwischen, lautet deshalb das Gebot der Stunde. Wer sich dagegen erwischen läßt, wird bestraft. Davon kann beispielsweise die kürzlich abgewählte konservative Regierung Spaniens ein garstig Lied singen. Der geschickte Lügner hingegen wird belohnt, ja geradezu mit Zuneigung überschüttet. Bloß, warum wird immer noch häufig so außerordentlich ungeschickt gelogen? Haben Politiker und Unternehmer denn keine professionellen Lügenberater? Ich denke, es wird Zeit, einigen Herrschaften diesbezüglich hilfreich zur Hand zu gehen.

George W. Busch: Oh, George-boy, da hast Du also wegen angeblich existierenden Massenvernichtungswaffen einen Krieg gegen den Irak vom Zaun gebrochen, und alle - ausgenommen vielleicht Tony Blair - halten Dich seitdem für einen großen Lügner. Weshalb? Nun, weil Deine Jungs im Irak bisher nicht eine einzige Massenvernichtungswaffe gefunden haben. Wie uncool. Also, mal ganz im Vertrauen: Atomsprengköpfe hast Du doch genug im Arsenal, könntest Du nicht vier oder fünf davon in den Irak schmuggeln und dann unter großem Brimborium "finden" lassen? Am besten zur Prime-Time live auf CNN. Dann würde Dir die Welt plötzlich wieder glauben und Deine Wiederwahl wäre so gut wie gesichert. Vergiß aber bitte nicht, das Typenschild auf den Sprengköpfen auszutauschen und die Seriennummer herauszufeilen, im Irak spricht man nämlich arabisch, nicht englisch. Übrigens, das schreibt man von rechts nach links, falls Du das noch nicht wissen solltest. Nicht, daß Dir noch einmal so ein kapitaler Fehler unterläuft, wie mit den gefälschten Uranerz-Dokumenten aus Niger. Wenn Du keine Ahnung hast, wie das geht, dann frag einfach einen x-beliebigen Autoknacker aus der New Yorker Bronx, der zeigt Deinen Jungs, wie man einen Sprengkopf erfolgreich umfrisiert. Kreatives Potential direkt vor der Haustür, und Du läßt es links liegen. Mein Gott, George, da hättest Du ruhig selbst draufkommen können. Okay, im Erfolgsfalle begnüge ich mich mit einer Provision von läppischen 5 Mio. Dollar. Das müßte Dir Deine wiedergewonnene Glaubwürdigkeit doch wert sein. Oder nicht?

Gerhard Schröder: Mensch, Schröder, wie tief bist Du gesunken. In Deinen Umfragewerten, meine ich. So tief im Keller, da holt Dich 2006 selbst eine Sintflut von biblischen Ausmaßen nicht mehr heraus. So hoch kann das Wasser gar nicht steigen. Und warum? Wegen der Agenda 2010. "Dumm geloffe", daß die Leute merken, wie Du sie übers Ohr haust. Und ebenfalls dumm, daß sie nach wie vor nicht bereit sind, völlig umsonst zu arbeiten, was freilich den Standort Deutschland ohne Zweifel enorm puschen würde. Der Oskar war da wesentlich klüger. Der hat sich damals gedacht, ich laß das mal den Gerd machen, der wird mit seinem Programm sicherlich Schiffbruch erleiden. Und so ist es ja auch gekommen. Der Schachzug mit dem Münte ist völlig falsch und kann eigentlich nur in die Hose gehen. Alter Wein in neuen Schläuchen, das nehmen Dir die Leute einfach nicht mehr ab. Willst Du unbedingt eine neue Linkspartei neben der SPD? Ich denke, nicht. Also hol flugs den Oskar von seinem Bild-Zeitung-Schreibtisch zurück in die Sphären der Macht, da will der eh schon lange wieder hin. Überleg mal genau, wart Ihr nicht schon immer gute Freunde? Das wäre ein Manöver, viel zu dreist, als daß man es Dir nicht abkaufen würde. Der arme Schröder, jetzt muß er sogar den Oskar reaktivieren. Verachtung mutiert zu Mitleid - das ist die halbe Miete des kommenden Erfolgs. Der Lafontaine könnte Dich vielleicht retten, der reißt das Ruder mit Sicherheit radikal herum. Das wird Dir doch bestimmt nichts ausmachen, schließlich kann Dir egal sein, unter wem Du Kanzler sein darfst.

Chen Shui-bian: Mein lieber Chen, Du bist zwar der Präsident des demokratischen China (Taiwan), doch die Welt will leider nur die Manchester-Kommunisten in Peking anerkennen. Natürlich wegen der Wirtschaft. 1,3 Mrd. potentielle Konsumenten wiegen eben schwerer als moralische Maßstäbe. Dein Fehler, verehrter Chen, denn Du bist viel zu anständig. Jetzt läßt Du sogar wegen läppischer 29.000 Stimmen noch einmal die gesamten Wahlstimmen auszählen - übrigens anders als Dein Kollege seinerzeit in Florida, wo es nur um eine Differenz von rund 500 Stimmen ging. Mußt Du unbedingt ehrlicher sein als god's own country? Nein, denn die Welt wird es Dir keinesfalls danken. Selbstverständlich wäre alles anders, wenn Du etwas zu bieten hättest. Ökonomisch, versteht sich. Wie wäre es, wenn man vor der Küste Taiwans plötzlich riesige Erdölfelder entdecken würde, größer als die der gesamten OPEC? Dann wärst Du doch fein raus. Die Nationen wären blitzartig erpicht darauf, mit Dir ins Geschäft zu kommen. Diplomatische Anerkennung, UNO-Sitz? Wo liegt das Problem? Beispiele für den überraschenden Sinneswandel der internationalen Staatengemeinschaft gibt es ja zuhauf. Entscheidend ist nicht das konkrete Vorhandensein von immensen Ressourcen, die Welt muß bloß fest genug daran glauben. Du wirst sehen, auch vermeintliche ökonomische Potenz wirkt Wunder. Probier es aus.

Josef Ackermann: Mußte diese Geste unbedingt sein? Hättest Du Dich nicht ein bißchen beherrschen können? Ist doch klar, daß das Volk vom Vorstandssprecher der ehrwürdigen Deutschen Bank etwas anderes erwartet, als das kitschige Victory-Zeichen eines Selbstbedienungsladenleiters. Geschickt wären zum Beispiel ein paar Tränen gewesen. Verdammt, habt Ihr bei der Deutschen Bank wirklich nur Peanuts, keine Zwiebeln? Die hätten gewiß geholfen. Dann hättest Du dem Gericht was vorseufzen können, etwa das Lied von den armen Mannesmann-Beschäftigten, denen Du gerne geholfen hättest. Aber bedauerlicherweise hat es halt nur für die 30 Millionen des Kollegen Esser gereicht. Sorry, liebe Freunde, war nun mal nicht zu ändern. Wenn Du der Öffentlichkeit mit tränenerstickter Stimme erklärt hättest, wie Du dadurch wenigstens den Esser vor der Langzeitarbeitslosigkeit und somit vor der Anwendung der inhumanen Hartz-Gesetze (Arbeitslosengeld II, monatlich 345 Euro) hast retten können, na, da wären Dir aber alle Sympathien zugeflogen. Das kann ich Dir versprechen. Was glaubst Du, wie das Volk in diesem Fall darüber gedacht hätte? Der Ackermann ist der einzige, der an uns denkt. Ist es seine Schuld, daß es nur für den Esser gereicht hat? Nein. Du hättest Deine Villa wegen den vielen Blumengebinden, die man Dir zugesandt hätte, baulich erweitern müssen. Und Dein E-mail-Fach wäre angesichts der Zustimmung übergelaufen. Also, zeig in Zukunft, wie sozial Du denkst und wie sehr Du Dich für Benachteiligte einsetzt. Notfalls mit Tränen in den Augen, denn die Zeiten, in denen man sagte, große Jungs heulen nicht, sind zum Glück längst vorbei. PS: Zwiebelsalbe zum Einreiben bekommt man in jeder guten Schauspielschule.