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04. Juli 2004, von Michael Schöfer
Gottesbezug in die Europäische Verfassung?


Angela Merkel, die Vorsitzende einer Partei, die das "C" - für christlich - im Namen führt, hat abermals die Aufnahme eines Gottesbezugs in die Europäische Verfassung gefordert. Die Europäer, so Merkel, müßten lernen, sich zu ihren Wurzeln zu bekennen. Natürlich wäre, das Ansinnen Merkels konsequent zu Ende gedacht, die Europäische Union dann eine explizit christliche Gemeinschaft. Die von der CDU sowieso abgelehnte Aufnahme der islamischen Türkei könnte sich somit in den Augen Merkels quasi wie von selbst erledigen. Ob eine nichtchristlich geprägte Nation in die Gemeinschaft von erklärten Christen drängt, steht in der Tat dahin. Vermutlich würde aber ein in der Verfassung verankerter Gottesbezug, angesichts der fühlbaren ökonomischen Vorteile, die mit der Mitgliedschaft in der EU verbunden sind, keinen gravierenden Hinderungsgrund darstellen, denn auch in der modernen Türkei kommt zuerst das Fressen, dann die Moral. Darüber hinaus wäre es außerordentlich kurios, wenn wir gerade dem fortschrittlichsten islamischen Land, das sich mittlerweile in großen Schritten unseren demokratischen Wertvorstellungen nähert, brüsk die Tür vor der Nase zuknallen würden. Doch das ist ein anderes Thema.

Wie dem auch sei, völlig unabhängig davon stellt sich die Frage: Sind wir überhaupt eine christliche Gesellschaft? Daran gibt es nämlich berechtigte Zweifel. Die Zeiten, in denen die weltliche Macht ihre Legitimität von der geistlichen verliehen bekam, sind zum Glück längst vorbei. Den Völkern hat dies nicht geschadet. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte hinweg hat man den Menschen im Namen Gottes Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat vorenthalten. Schließlich war nach dieser Diktion die irdische, absolutistische Herrschaftsordnung ein Abbild der himmlischen Ordnung, und damit eine gottgewollte. Der Klerus hat den Unterdrückern stets die blutbefleckte Hand gereicht und sich auf diese Weise die Teilhabe an der Macht gesichert. Die schreckliche Zeit der Inquisition, im Ausmaß der Verbrechen durchaus mit den Untaten Hitlers und Stalins vergleichbar, ist hier nur die Spitze des Eisbergs.

Das, worauf wir heute soviel Wert legen, ist nicht mit, sondern gegen die Religion erkämpft worden. Die Ideale der Demokratie, auf die wir uns heute so gerne berufen, wurden in der Zeit der Aufklärung theoretisch vorbereitet und in der französischen Revolution auf den Barrikaden erkämpft. Die Herrschaft des Volkes? Nicht mit der Kirche, ist doch ausgerechnet der Vatikan die einzig verbliebene absolutistische Bastion in Europa, gewissermaßen die letzte uneingeschränkte Diktatur des ganzen Kontinents. Freiheit der Rede? Nicht mit der Kirche, die Stichworte Küng und Drewermann genügen hier als Beleg vollauf. Freiheit der Wissenschaft? Nicht mit der Kirche, hat sie doch erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, 359 Jahre (!) nach Galilei und 114 Jahre (!) nach Darwin, ihren Frieden mit dem kopernikanischen Weltbild und der Evolutionstheorie gemacht. Nicht ganz unfreiwillig, denn in einer Zeit der Raumfahrt und der Entschlüsselung des genetischen Codes hätte sie sich mit einer anderen Position bloß der Lächerlichkeit preisgegeben. Zivilgesellschaft? Nicht mit der Kirche, denn was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden. Nichteheliche, gar homosexuelle Lebensgemeinschaften, Ehebruch, Verhütungsmittel, vorehelicher Geschlechtsverkehr, das alles ist nach wie vor mit dem Stigma der Sünde behaftet - zumindest in den Augen der Kirche.

Ohne die Trennung von Staat und Kirche, ohne die Säkularisierung der Gesellschaft, würden wir wohl heute noch in der Schule die Schöpfungsgeschichte gelehrt bekommen. Ein harmloser Film wie "Dino-Park" wäre dann vermutlich strafbare Blasphemie, weil er voraussetzt, was gemäß christlicher Lehre lange Zeit nicht wahr sein durfte: die evolutionäre Entwicklung des Lebens auf der Erde. Er wäre gar nicht in die Kinos gekommen, sondern lange vorher der klerikalen Zensur zum Opfer gefallen. Überall dort, wo Religion noch Macht und Einfluß hat, wirkt sie in diesem, der Aufklärung entgegengesetzten Sinn. Religionen stehen generell äußerst selten auf der Seite des Fortschritts, denn das Wesen des Glaubens ist die Dogmatik. Und das Dogma ist der Feind geistiger Freiheit. Mit dem von der Kirche zugelassenen Wissen wären die Menschen denn auch nie auf dem Mond gelandet, wären die Relativitäts- und Quantentheorie unter diesen Umständen nie entwickelt worden. Religion und Wissenschaft, Religion und Demokratie, Religion und Zivilgesellschaft schließen sich im Grunde gegenseitig aus. Die technologische Rückständigkeit und die damit einhergehende Unterlegenheit der islamischen Welt sollte uns diesbezüglich zu denken geben.

Ohne den Islam über einen Kamm scheren und damit einschlägige Vorurteile transportieren zu wollen, eines ist jedoch Fakt: Keines der 22 Mitglieder der Arabischen Liga erfüllt auch nur ein Mindestmaß an Demokratie. Und unter den rund 50 Staaten mit einer islamischen Bevölkerung von mehr als 50 Prozent kommen nur eine handvoll diesem Ideal wenigstens einigermaßen nahe. Folter, Pressezensur, fehlende Gewaltenteilung, vordemokratische Rechtsordnungen, Willkürherrschaft, Mißachtung der Menschenrechte, wenn überhaupt, dann nur Scheinwahlen - das ist dort alles weit verbreitet. Woher kommt diese eklatante gesellschaftliche Rückständigkeit? Meiner Auffassung nach im Ausbleiben der Säkularisierung der Gesellschaft. Der Islam hat eben, anders als der Westen, nie eine Zeit der Aufklärung durchlebt. Die Unterwerfung unter das weltliche - im Gegensatz zum göttlichen - Recht ist freilich eine Konstituante der Demokratie: Ohne Säkularisierung keine Demokratie, ohne Säkularisierung keinen technischen Fortschritt, ohne Säkularisierung Engstirnigkeit und gesellschaftliche Stagnation. Es ist geradezu ein Treppenwitz der Geschichte, daß die einst wissenschaftlich überlegenen islamischen Staaten, die uns viele antike Schriften überliefert haben, diesen Vorsprung inzwischen total eingebüßt und in einen schier unaufholbaren Rückstand verwandelt haben.

Insofern wäre der Gottesbezug in der Europäischen Verfassung lediglich Ausdruck eines rückwärtsgewandten Denkens, konservativ im schlechten Sinne des Wortes. Mit anderen Worten: reaktionär. Er würde in die falsche Richtung weisen, weil er die Lebenslüge von den angeblich "christlichen Wurzeln" verbreitet. Auf die geistige Blüte der Antike folgten in Europa fast zweitausend Jahre Christentum und hierdurch über viele Jahrhunderte hinweg eine kirchlich verordnete intellektuelle Zwangspause. Nicht umsonst sprach man einst, im 14. bis 16. Jahrhundert, von der Renaissance, einer - von der Kirche hartnäckig bekämpften - Rückbesinnung auf Werte und Formen der griechisch-römischen Antike in Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Der Humanismus, der die neuzeitliche Demokratie erst möglich gemacht hat, ist das Kind der Renaissance, nicht das Kind des Glaubens. Das moderne Europa ist demzufolge keineswegs auf dem christlichen Fundament errichtet worden, es ist vielmehr aus dem tiefen Sumpf der religiösen Beschränktheit aufgetaucht. Der Glaube ist heute ritualisiertes Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche, die Europäische Union lebt hingegen vom Blick nach vorn. Sie ist ein Zukunftsprojekt, das aus den schlimmen Fehlern der Vergangenheit die richtigen Konsequenzen zu ziehen versucht. Und hiermit verbinde ich das Anknüpfen an die Ideale der Aufklärung und der französischen Revolution. Ein Gottesbezug in der Europäischen Verfassung wäre mithin völlig fehl am Platze.