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15. Oktober 2005, von Michael Schöfer
Viele-Welten-Theorie


Die Relativitätstheorie von Albert Einstein ist mittlerweile mehrfach überprüft und für zutreffend befunden worden. Ebenso die Quantentheorie, die wir insbesondere Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger zu verdanken haben. Beide Theorien sind - jeweils für sich genommen - korrekt. Nur dumm, daß sie sich zugleich grundsätzlich widersprechen. Ein Erklärungsversuch, der dieses Dilemma auflösen soll, ist die Viele-Welten-Theorie. Sie besagt, daß sich die Welt beim Kollabieren einer Wahrscheinlichkeitswelle zu einer Gewißheit in zwei verschiedene Welten aufspaltet. Diese Welten unterscheiden sich lediglich im faßbaren Ergebnis der kollabierten Wahrscheinlichkeitswelle: Welt A mit Gewißheit A, und Welt B mit Gewißheit B. Alles andere ist identisch. Beobachter in beiden Welten nehmen jedoch nur das jeweils zu ihrer Welt gehörende Ergebnis wahr, von der anderen Welt mit dem abweichenden Ergebnis besitzen sie keinerlei Kenntnis. Eine faszinierende Hypothese mit weitreichenden philosophischen Implikationen.

In unterschiedlichen Welten scheinen auch unsere Politiker zu leben. Welt A = Propaganda, Welt B = Realität. Im April 2004 haben nämlich die Bundesregierung und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft einen Ausbildungspakt beschlossen. Hierin "verpflichten sich die Partner, in enger Zusammenarbeit mit den Ländern jedem ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen ein Ausbildungsangebot zu machen", heißt es dazu auf der Website des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit. Mit diesem "freiwilligen" Ausbildungspakt konnte die Wirtschaft die sonst drohende gesetzliche Ausbildungsplatzabgabe abwenden. Denn im Jahr zuvor beschlossen SPD und Grüne, daß es diese Abgabe ohne eine "ausgeglichene Ausbildungssituation" geben wird. Hintergrund war die eklatante Lehrstellenmisere. Von Anfang an gegen eine gesetzliche Ausbildungsplatzabgabe: Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement.

"Positiver Trend am Ausbildungsmarkt", meldet jetzt die Bundesregierung. "Im Rahmen des Ausbildungspaktes wird Erhebliches geleistet. Insbesondere das unermüdliche Werben des Wirtschafts- und Arbeitsministers Wolfgang Clement habe dazu beigetragen, dass die Unternehmen ihre Ausbildungsaktivitäten trotz des allgemeinen Beschäftigungsrückgangs der letzten Jahre gesteigert haben, betonte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Braun. "Der Pakt hat die Erwartungen, die wir in ihn gesetzt haben, erfüllt und er hat vor allen Dingen Jugendlichen eine konkrete berufliche Perspektive vermitteln können", sagte Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement am 12. Oktober in Berlin anlässlich der Vorstellung der Zwischenbilanz des Ausbildungspakts. Er äußerte sich dankbar und "auch ein wenig stolz" über das gemeinsam Erreichte."

Nach den aktuellen Zahlen waren jedoch zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres, Ende September 2005, noch 40.900 Bewerber unversorgt. Dem gegenüber standen 12.600 unbesetzte Lehrstellen. Die rechnerische Lehrstellenlücke von 28.300 Ausbildungsplätzen war um 2.400 geringer als im Jahr zuvor, daraus saugt Clement seinen zur Schau gestellten Optimismus. 40.900 unversorgte Bewerber sind aber vom propagierten Ziel, "jedem ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen ein Ausbildungsangebot zu machen", noch meilenweit entfernt.

Was Clement in seiner selbstbeweihräuchernden Jubelarie übergeht, ist die Tatsache, daß Wirtschaft und Verwaltungen den Arbeitsämtern in den vergangenen zwölf Monaten nur 471.500 Ausbildungsplätze zur Vermittlung angeboten haben. "Das sind 48.400 - rund acht Prozent - weniger als im Vorjahr. Das Gesamtangebot sank damit im vierten Jahr in Folge." [1] Die der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsplätze waren, berücksichtigt man die Zahlen der vergangenen Dekade, im Jahr 2005 so gering wie noch nie. Eigentlich müßte jetzt die gesetzliche Ausbildungsplatzabgabe kommen, doch die will der scheidende Bundeswirtschaftsminister mit aller Gewalt verhindern.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn bezeichnete im Berufsbildungsbericht 2005, der am 6. April dieses Jahres vorgestellt wurde, die Lage als ernst. "Der mit der Wirtschaft geschlossene Ausbildungspakt steht in diesem Jahr vor seiner entscheidenden Bewährungsprobe" sagte sie damals. Und: "Die Politik werde auf die Einhaltung der gemachten Zusagen drängen." Heute erklärt sie freilich: "Ich bin zwar noch nicht ganz zufrieden, aber der Ausbildungspakt hat sich bewährt."

"Die Vereinbarungen des Paktes sind erfüllt", behauptet Clement dreist. Und das, obgleich die gemeldeten Ausbildungsplätze um 8,3 Prozent gesunken sind. "Die entscheidende Bewährungsprobe" ist jedenfalls den Zahlen zufolge eindeutig negativ ausgefallen. Beide Minister offenbaren eine recht eigentümliche Wahrnehmung. Die tatsächliche Lage auf dem Ausbildungsmarkt scheint zu einer ganz anderen Welt zu gehören, so lassen es zumindest ihre Äußerungen vermuten. Die physikalische Viele-Welten-Theorie ist bloß eine Hypothese, die unterschiedlichen politischen Welten sind dagegen Realität. Leider.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 13.10.2005