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03. Dezember 2005, von Michael Schöfer
Hemmungslose Gier


Firmen geraten gelegentlich in die Krise, dann regiert der Rotstift. Und meistens trifft es dabei das Personal. Mitarbeiter werden entlassen, die übrig gebliebenen haben häufig Einbußen beim Gehalt hinzunehmen. Klar, ein Unternehmen kann nicht ständig Verluste machen. Ob Personalabbau bei der Sanierung immer der Weisheit letzter Schluß ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Die Belegschaft ist eine Seite der Medaille. Die andere repräsentieren die Ackermänner und die Essers - hierzulande fast schon ein Synonym für hemmungslose Gier und rücksichtslose Bereicherung. Für letztere gelten angeblich andere Maßstäbe. Doch Ackermann und Esser sind nur die Spitze des Eisbergs, in den Vorstandsetagen tummelt sich offensichtlich eine ganze Riege davon. Sie sind mithin keine Ausnahme, sondern vielleicht sogar charakteristisch für den modernen Managertyp: smart und notfalls völlig skrupellos.

Der Kaufhauskonzern Karstadt-Quelle macht gerade schwere Zeiten durch. Verständlich, der gesamte Einzelhandel leidet schwer unter der Konsumkrise. Kaufhäuser werden geschlossen oder verkauft, Arbeitsplätze fallen fort. Traurig, aber wahr. Doch fünf ehemalige Karstadt-Quelle-Manager scheint das nicht zu erschüttern. Unbeirrt bestehen sie auch nach ihrem Ausscheiden darauf, vom ehemaligen Arbeitgeber einen Dienstwagen gestellt zu bekommen.

"Fünf ehemalige Führungskräfte von Karstadt-Quelle - darunter der einstige Konzernchef Walter Deuss - haben den Essener Einzelhandelsriesen verklagt. In vier Fällen wollen die Manager vor Gericht durchsetzen, dass ihnen der angeschlagene Konzern auch weiterhin einen Dienstwagen zur Verfügung stellt (...). Im fünften Fall gehe es um die Bezahlung des Fahrers", schreibt die Frankfurter Rundschau heute.

Gewiß, Karstadt-Quelle hat den früheren Managern ehedem vertraglich zugesichert, auch nach Beendigung ihres Vertrages einen Dienstwagen zur Verfügung zu stellen. Und lassen wir einmal die gewiß spannende Frage beiseite, ob derartige Zusicherungen, auf die ein normaler Mitarbeiter wohl nur mit fassungslosem Kopfschütteln reagiert, überhaupt sinnvoll sind. Es ist zumindest unverfroren, in der jetzigen Notlage des Konzerns weiterhin auf solchen überzogenen Ansprüchen zu bestehen, während gleichzeitig die kleine Verkäuferin ihren Arbeitsplatz verliert und deshalb unter Umständen bald auf Sozialhilfeniveau landet (Hartz IV). War das Gehalt von Deuss & Co. etwa so gering, daß sie sich keinen eigenen Wagen leisten können? Wohl kaum.

Der Vorgang zeigt, wie verlottert mittlerweile die Sitten sind. In unserer Gesellschaft zählt offenbar nur noch der eigene Vorteil. Ob auf Kosten von anderen, ist dabei völlig gleichgültig. Es ist zu hoffen, daß sich das Gericht hier nicht bloß auf die Formel "Pacta sunt servanta" (Verträge sind einzuhalten) zurückzieht. Schließlich sollte es für alles Grenzen geben - auch für die Bereicherung auf den Vorstandsetagen.