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05. Januar 2006, von Michael Schöfer
Renaissance der Atomenergie?


Wegen des kurzzeitigen russischen Lieferstopps von Erdgas an die Ukraine denkt man hierzulande neu über unsere Abhängigkeit von einzelnen Energielieferanten und -träger nach. Zu Recht, schließlich werden die Verteilungskämpfe um die Ressourcen bei global rasant ansteigendem Energieverbrauch, verursacht beispielsweise durch die stürmische Entwicklung in der Volksrepublik China, immer härter. Und Prognosen der Europäischen Union sagen bis 2030 ein Anwachsen des Energiekonsums um fast 70 Prozent voraus. [1] Da es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann, die Zeitdauer, in der uns die fossilen Energieträger noch zur Verfügung stehen, überdies begrenzt ist, müssen wir zwangsläufig umsteuern. Legt man den hierfür notwendigen Aufwand zugrunde, sogar relativ schnell.


[Quelle: Wikipedia, Weltenergieverbrauch]

Die statistische Reichweite der Erdölreserven beträgt gegenwärtig rund 40 Jahre, die der Erdgasreserven wird auf 67 Jahre taxiert. [2] Manche spekulieren deshalb neuerdings auf eine Renaissance der Atomkraft. Doch auch die globalen Uranreserven sind begrenzt: "Der Uranbedarf für die weltweit über 440 kommerziellen Atomkraftwerke liegt bei rund 62.000 Tonnen pro Jahr. Allein die Europäische Union hat einen jährlichen Bedarf von etwa 20.000 Tonnen Uran. Die "wirtschaftlich" gewinnbaren Uranreserven wurden von der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEA) und der OECD Nuclear Energy Agency (NEA) im Jahr 1999 im so genannten "Red Book" ausgewiesen. Demnach sind - je nach Höhe der unterstellten Förderkosten - insgesamt noch zwischen 1,25 und 4 Millionen Tonnen Uran mehr oder weniger "wirtschaftlich" abbaubar. Es handelt sich zum Teil um gesicherte, zum Teil aber nur um vermutete Uranvorkommen. Die Gesamtmenge des großteils nur sehr aufwendig und entsprechend teuer zu gewinnenden Urans reicht noch maximal etwa 65 Jahre lang. Die preislich günstigeren Reserven reichen gerade noch 20 Jahre lang." [3]

Die Atomenergie hat gegenwärtig in der Bundesrepublik am Primärenergieverbrauch einen Anteil von lediglich 13 Prozent, und die vorhandenen Kernkraftwerke dienen fast ausschließlich zur Stromerzeugung. Wärmeenergie wird hingegen überwiegend mit fossilen Energieträgern (Erdöl, Erdgas, Kohle) erzeugt, auch in bezug auf den Kraftfahrzeugverkehr spielt Atomkraft keine Rolle. Außerdem müßten wir die Bundesrepublik für einen wesentlich höheren Anteil am Primärenergieverbrauch mit Kernkraftwerken quasi zupflastern. Zur Zeit sind hierzulande 17 Kernkraftwerke in Betrieb, für eine weitgehend atomare Deckung unseres Energiebedarfs bräuchten wir allerdings rechnerisch mindestens 100 bis 120 Kernkraftwerke. Und das alles vor dem Hintergrund der nach wie vor ungeklärten Entsorgungsfrage. Von daher sind Forderungen nach einer Renaissance der Atomkraft völlig unverständlich, ja geradezu grotesk.

Was wir vielmehr brauchen, ist eine effizientere Nutzung der vorhandenen Energieträger, etwa durch Kraft-Wärme-Kopplung (Stichwort: Blockheizkraftwerke) und bessere Wärmedämmung im Wohnungsbau. Vor allem die Erneuerbaren Energien benötigen Förderung. Wir müssen bei uns mittelfristig die solare Wasserstoffwirtschaft etablieren, doch hierfür muß man bereits jetzt die Grundlage schaffen. Geld, das in die anachronistische Nukleartechnik gepumpt wird, fehlt jedoch logischerweise andernorts. Gerade da, wo es, was die Zukunftsfähigkeit angeht, viel dringender gebraucht wird.

Sonne und Wasser sind überreichlich vorhanden, um diese Ressourcen wird es folglich keinerlei Konflikte geben. Das kann uns kein anderer Energielieferant bieten - ausgenommen vielleicht die Wind- oder die Gezeitenenergie. Und was noch wichtiger ist: Für den Rohstoff selbst, die Sonne, müssen wir nichts bezahlen. Wir sind von keinem, unter Umständen politisch unliebsamen Energielieferanten abhängig. Geld kostet zweifellos der Aufbau der Solar/Wasserstoff-Infrastruktur, doch letztlich führt daran kein Weg vorbei. Je eher wir damit beginnen, desto früher wird das Ganze Realität.

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[1] Stiftung Warentest vom 26.06.2003
[2] EVUP
[3] IPPNW