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12. Januar 2006, von Michael Schöfer
Problem genau erkannt


Der Spanischen Grippe von 1918-1920 sollen 40 bis 50 Mio. Menschen zum Opfer gefallen sein, die Asiatische Grippe von 1957/1958 und die Hongkong-Grippe von 1968/1969 forderten jeweils rund eine Million Tote, der Russischen Grippe von 1976/1977 erlagen ca. drei bis vier Millionen. Heute werden wir erneut von einem äußerst gefährlichen Grippevirus bedroht, und zwar von der Vogelgrippe.

Bislang ist die Vogelgrippe eine Tierkrankheit und das Virus (H5N1) lediglich für Vögel gefährlich, doch sind durch eine zum Glück relativ seltene direkte Übertragung vom Tier bereits Opfer unter Menschen zu beklagen. Wenn das Vogelgrippevirus mutiert und dann womöglich direkt von Mensch zu Mensch übertragbar ist, könnte eine weltweite Pandemie abermals etliche Millionen dahinraffen. Die Bevölkerung macht sich also zu Recht Sorgen um die Ausbreitung der Vogelgrippe, schließlich geht es um Menschenleben.

In Deutschland hat wohl keiner die Dramatik der Situation so scharfsinnig erfaßt wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner. Er "befürchtet für die Bauern einen wirtschaftlichen Schaden in Millionenhöhe, wenn die Vogelgrippe auf Deutschland übergreift". Aha, einen "wirtschaftlichen Millionenschaden" also. Wie treffend. Sonnleitner beklagt folglich nicht die Gefahr für die Menschen, sondern fürchtet hauptsächlich um das Einkommen seiner Bauern.

So etwas mag zu den Aufgaben eines Bauernpräsidenten gehören, ist in einer derartigen Situation aber völlig abstrus. Selten hatte Lobbyismus einen so makaberen Beigeschmack. Verbandsfunktionäre sind vermutlich derart konditioniert, daß sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkennen. Mit anderen Worten: Außer ökonomischen Gesichtspunkten nehmen sie überhaupt nichts mehr wahr.

An diesem Beispiel zeigt sich erneut, wie sehr in unserer Gesellschaft die Maßstäbe verrutscht sind. Wurde eigentlich schon ausgerechnet, um wieviel Milliarden die Einzelhandelsumsätze sinken, wenn bei uns aufgrund einer Vogelgrippe-Pandemie 5 Millionen Bundesbürger sterben? Nicht? Hat man die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM berücksichtigt? Werden wir unter diesen Umständen die Vorrunde überstehen? Man stelle sich den Imageschaden vor, sollten wir die WM sogar absagen müssen. Und was hat Franz Beckenbauer, ebenfalls ein Verbandsfunktionär, dazu zu sagen? Würde mich wirklich interessieren.

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[1] Merkur-Online vom 11.01.2006