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31. Januar 2006, von Michael Schöfer
Im Südwesten nichts Neues


Wir leben alle im 21. Jahrhundert. Alle? Nein, nicht alle. Denn im Südwesten der Republik geht es zu wie in längst überwunden geglaubten Zeiten. Baden-Württembergs Sozialminister Andreas Renner (CDU) mußte gerade zurücktreten. Sein Vergehen: Bei einem Disput um das CDU-Projekt "Kinderland" entgegnete er Zeitungsberichten zufolge dem Rottenburger Bischof Gebhard Fürst: "Halten Sie sich da raus, zeugen Sie erst einmal selbst Kinder."

Das macht man nicht - wenigstens nicht in Baden-Württemberg, dort hat das Wort eines Bischofs nämlich noch Gewicht. Die Katholische Kirche mischt sich zwar stets ungefragt in das Leben anderer ein, insbesondere wenn es um so persönliche Themen wie Sexualität, Ehe und Familie geht, wovon der Klerus mangels eigener Erfahrung naturgemäß kaum Ahnung hat, sie selbst zeigt sich allerdings wenig kritikfähig. Die respektlose Äußerung Renners war jedenfalls der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.

Denn schon vorher verursachte er bei etlichen Parteifreunden heftiges Stirnrunzeln. So übernahm Renner beispielsweise - welch ein Frevel - die Schirmherrschaft der Schwulen- und Lesben-Parade "Christopher Street Day", bezeichnete den bekanntermaßen eigenwilligen EnBW-Chef Utz Claassen als "Rambo unter den deutschen Managern" und sagte über US-Präsident George W. Bush "der gehört abgeschossen" - was, wie der Minister nachher beteuerte, selbstverständlich bloß politisch, jedoch keinesfalls wörtlich gemeint war. Auch der Lebenswandel und das Outfit Renners mißfielen, der in dritter (!) Ehe verheiratete Sozialminister trägt einen Brilli im Ohr. So stellt man sich im baden-württembergischen Landesverband den politischen Gegner zur Linken vor, aber keinen aus den eigenen Reihen.

Die Südwest-CDU, momentan sowieso in der gesamten Republik wegen dem höchst umstrittenen "Gesprächsleitfaden zur Einbürgerung" am Pranger, offenbarte abermals ihr wahres Gesicht. Ministerpräsident Günther Oettinger, sichtlich um ein modernes Image bemüht, kann die Reaktion seiner stockkonservativen Landespartei eigentlich nur mit heftigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen haben. Dennoch knickte er ein und ließ Renner wie eine heiße Kartoffel fallen. Logisch, am 26. März 2006 sind Landtagswahlen, dann muß der Nachfolger des eher bodenständigen Erwin Teufel seine erste Wahl als Amtsinhaber bestehen. Unruhe kann deshalb nur schaden.

Dieser Vorgang ist bezeichnend für die Südwest-CDU, die von jeher Schwierigkeiten mit dem Toleranzgebot hatte und deren Ansichten, siehe "Gesprächsleitfaden", gelegentlich kuriose Blüten treibt. Doch die bei Wahlen bislang immer erfolgreiche Landes-CDU ist lediglich ein Abbild der Bevölkerungsstruktur, und die ist in Baden-Württemberg eben deutlich konservativer als andernorts. Oettinger wird am 26. März vermutlich trotz der Querelen um Renner gewinnen, alles andere würde gewaltig überraschen. Doch man weiß ja nie...