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03. Februar 2006, von Michael Schöfer
Proteste der Moslems werden immer militanter

In Nablus (Westjordanland) hatten bewaffnete Palästinenser kurzzeitig einen Deutschen entführt, und die Al-Aksa-Märtyrerbrigaden machen inzwischen Jagd auf Europäer. Eine der umstrittenen Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" stellt Mohammed mit einer Bombe im Turban dar. Kurioserweise entsprechen die Reaktionen der Fundamentalisten genau dem, was ihnen die Karikatur unterstellt: militantes Verhalten im Namen der Religion. Mit anderen Worten: "Wenn Du noch einmal fälschlicherweise behauptest, ich wäre ein Bombenleger, jage ich Dich in die Luft." Sie geben mithin ihren Kritikern recht.

Die überzogenen Reaktionen auf die Karikaturen sagen viel über die gegenwärtige Situation des Islam aus. Jetzt werden sämtliche Vorurteile, die man im Westen gemeinhin mit den Moslems verbindet, scheinbar bestätigt. Gibt es nicht zu denken, daß sich der Islam zu einer Religion entwickelt hat, vor der sich die anderen ängstigen? Und ist die unbestreitbare Rückständigkeit der islamischen Staaten nicht vor allem auf den offenkundigen religiösen Rigorismus zurückzuführen? Wer den Islam in Frage stellt, riskiert dort nämlich sein Leben. Dabei waren die islamischen Staaten einmal führend, wissenschaftlich, militärisch, kulturell - doch das ist lange her. Sie galten einst sogar als vergleichsweise tolerant. Gleichwohl muß man darauf hinweisen, daß die radikalen Moslems nicht DIE Moslems sind, ebensowenig wie es DIE Deutschen gibt. Man sollte selbst in der momentan extrem aufgeheizten Atmosphäre differenzieren.

Dennoch stellt sich die berechtigte Frage: Müssen wir uns hierzulande wirklich nach den religiösen Vorschriften des Islam richten? Wenn der Islam die bildliche Darstellung des Propheten tabuisiert, gilt das dann auch für uns? Ich meine, nein. Ich persönlich hätte die Karikaturen nicht veröffentlicht, weil ich sie im Grunde ziemlich primitiv finde. Aber es geht doch um das Recht, solche Karikaturen überhaupt zu veröffentlichen. Es ist schon bezeichnend für den Zustand der Meinungsfreiheit, wenn manche Zeitungen jetzt eine Heidenangst davor haben, die umstrittenen Machwerke ihren Lesern als Dokumentation zu präsentieren. Und Angst ist der Feind der Freiheit. Zum Glück gibt es etliche Zeitungen, die sie jetzt ausdrücklich unter Berufung auf die Meinungsfreiheit abdrucken.

Moslems dürfen ruhig zum Ausdruck bringen, daß sie anderer Meinung sind und die Karikaturen als Beleidigung ihrer Religion empfinden. Aber sie müssen genauso die Meinung von Andersgläubigen oder Atheisten akzeptieren. So etwas nennt man Toleranz. Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Meinung, steht wohl, wenigstens bei uns, von vornherein außerhalb jeder Diskussion. Aber genau letzteres passiert ja zur Zeit. Es findet kein - von mir aus auch emotional geführter - Gedankenaustausch statt, von radikalen Moslems wird vielmehr offen mit Gewalt gedroht. Wenn man beleidigt wird, zerrt man den Urheber vielleicht vor ein ordentliches Gericht, schlägt ihm aber nicht einfach auf dem Wege der Selbstjustiz den Kopf ab. Das ist der feine Unterschied, den man Zivilisation nennt.

Voltaire (franz. Philosoph, 1694 - 1778) hat einmal gesagt: "Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, daß Sie sie äußern dürfen." Voltaire gilt als einer der einflußreichsten Denker der Aufklärung und Wegbereiter der französischen Revolution. Toleranz kann man lernen. Und die Geisteshaltung Voltaires könnte hierbei durchaus Vorbild sein. Dies ist nicht nur auf den Islam gemünzt, sondern gilt allen Fundamentalisten. Denn wir sollten uns daran erinnern, daß Fundamentalismus kein Monopol der Moslems ist. Fundamentalisten gibt es überall. Auch bei uns, wie wir selbstkritisch zugeben müssen.