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05. Februar 2006, von Michael Schöfer
Wie bitte, Sie frieren?


Ach, das wundert uns aber. Gut, die Temperaturen sind momentan ein bißchen im Keller. Aber wir helfen Ihnen da wieder heraus. Dazu sind wir schließlich da. Für Sie, und nur für Sie. Unser bewährter Service wird Ihnen zu Hause ein wohlig-warmes Nest bereiten. Warten Sie's nur ab. Selbstverständlich kostet uns das eine Kleinigkeit. Wie Sie vielleicht gemerkt haben, mußten wir in den vergangenen Monaten die Energiepreise bedauerlicherweise dem Marktgeschehen anpassen, d.h. gezwungenermaßen etwas erhöhen. Alles wird teurer, zuletzt ganz besonders Strom und Gas. Sie wissen doch, die Chinesen... Muß ich darauf wirklich näher eingehen? Sehen Sie...

Was, Sie frieren trotzdem? Mein Gott, jetzt sagen Sie bloß, Sie können sich unseren uneigennützigen Dienst am Kunden nicht mehr leisten. Wie bitte? Die Preise sind einfach zu hoch? Und Ihr Gehalt zu klein? Das tut uns aber leid. Da können wir leider auch nichts machen, auf die steigenden Energiepreise haben wir nämlich überhaupt keinen Einfluß. Wir geben Öl und Gas praktisch zum Selbstkostenpreis an Sie ab, zu verdienen ist daran kaum etwas. Das dürfen Sie uns wirklich glauben. Aber wenn Sie jetzt ganz brav sind und nicht aufmucken, werden wir den Anstieg der Energiepreise in diesem Jahr auf wohl leicht verkraftbare 25 Prozent begrenzen (sofern der böse Iran bei diesem Vorhaben nicht dazwischenfunkt). Darauf geben wir Ihnen unser Wort.

Ihr Energieversorger

Nachtrag:
  • "Der weltgrößte Ölkonzern Exxon-Mobil hat im Jahr 2005 mit 36,1 Milliarden Dollar den höchsten Gewinn der US-Firmengeschichte erzielt. (...) Zusammen haben die vier größten Mineralölkonzerne des Landes (Exxon-Mobil, Chevron, Conoco-Phillips, Marathon Oil) einen Gewinn von 66,7 Milliarden Dollar erzielt - mehr als doppelt so viel wie 2004." [1]
  • "Der britisch-niederländische Konzern Royal Dutch Shell hat dank hoher Ölpreise im vergangenen Jahr einen beispiellosen Gewinn gemacht. Er betrug Unternehmensangaben zufolge 25,3 Milliarden Dollar (21,3 Milliarden Euro). Er übertraf damit den Rekordertrag von 2004 um 37 Prozent." [2]
  • "BP, der weltweit zweitgrößte Ölkonzern, hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn von gut 19,3 Milliarden Dollar (rund 16,1 Milliarden Euro) erwirtschaftet. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Steigerung um rund 25 Prozent." [3]
  • "Bittere Kälte im Norden der USA stellt viele arme US-Bürger vor die Wahl, sich zwischen Essen und Heizung zu entscheiden. Heizöl ist teuer geworden in den USA, 80 Cent kostet der Liter, und das können sich viele US-Bürger nicht mehr leisten. Sie wissen nicht, wie sie über den Winter kommen." [4]
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[1] Frankfurter Rundschau vom 01.02.2006
[2] Frankfurter Rundschau vom 03.02.2006
[3] Frankfurter Rundschau vom 08.02.2006
[4] Tagesspiegel vom 25.01.2006