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09. Februar 2006, von Michael Schöfer
Deutschland erneut Exportweltmeister


Wie das Statistische Bundesamt gestern mitgeteilt hat, ist Deutschland auch im Jahr 2005 Exportweltmeister geblieben. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 786,1 Mrd. Euro ausgeführt, das ist gegenüber 2004 eine Steigerung von 7,5 Prozent und zugleich deutscher Außenhandelsrekord. [1] Der härteste Konkurrent auf den Exportmärkten, die ungleich größere Volkswirtschaft der USA, erwirtschaftete auf den Weltmärkten dagegen nur 772 Mrd. Euro. [2] Damit hat die Bundesrepublik zum dritten Mal in Folge den Titel des Exportweltmeisters errungen. Auch der Außenhandelsüberschuß hat mit 160,5 Mrd. Euro (2004 waren es noch 156 Mrd. Euro) Rekordniveau erreicht.

Das Märchen von der mangelnden Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft, mit dem hierzulande enormer Druck auf die Löhne ausgeübt wird, ist folglich zum wiederholten Male wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Die deutsche Wirtschaft ist nämlich die konkurrenzfähigste Volkswirtschaft überhaupt. Andere Darstellungen sind, wie sich anhand der Fakten leicht nachweisen läßt, einfach absurd. Die Mär von der mangelnden Konkurrenzfähigkeit Deutschlands ist nichts anderes als reine Zweckpropaganda der Unternehmer. Beim Export erwirtschaftete Gewinne sickern bloß nicht mehr in Form von Löhnen an die Arbeitnehmer durch, denn die Reallöhne gehen bekanntlich seit Jahren zurück.

"Bei den Monatslöhnen und -gehältern in Deutschland hat es 2005 die geringste Steigerung seit zehn Jahren gegeben. Die tariflichen Stundenlöhne der Arbeiter lagen [nominal] nur 1,2 Prozent und die Monatsgehälter der Angestellten 1,3 Prozent über dem Stand des Vorjahres, berichtet das Statistische Bundesamt. Das ist der geringste Zuwachs seit der erstmaligen Berechnung des Index für Gesamtdeutschland vor zehn Jahren. Die Lebenshaltungskosten stiegen in der vorigen Periode stärker als die Verdienste: Sie legten um zwei Prozent zu." [3] Mit anderen Worten: Die tariflichen Löhne und Gehälter sind im letzten Jahr real gesunken, und zwar um 0,8 Prozent bei den Arbeitern bzw. 0,7 Prozent bei den Angestellten.

Kein Wunder, wenn die Exportwirtschaft mittlerweile den größeren Teil zu unserem Wachstum beiträgt. Zum Gesamtwachstum von zuletzt 0,9 Prozent steuerten die Exporte 0,7 Prozentpunkte bei. Das Wirtschaftswachstum wäre wesentlich höher, wenn der Binnenmarkt endlich anspringen würde, doch dazu bräuchten wir eine deutliche Steigerung der Massenkaufkraft. Ohne Moos nix los. Logisch, nicht?

Die neoliberalen Lehrmeister wollen das allerdings nach wie vor nicht zur Kenntnis nehmen. So spricht sich beispielsweise der Chef des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sogar für weitere drastische Lohnkürzungen aus.

Frage: "Wie stark müssten denn die Arbeitskosten [in Deutschland] sinken?"

Antwort: "Das weiss ich nicht genau. Aber sicher ist: Wir müssten um ein Drittel runter, wenn wir uns mit England oder Frankreich vergleichen wollen." [4]

Deutschlands Arbeiter müßten laut Sinn erst wieder wettbewerbsfähig gemacht werden. Liest der Mann keine Statistiken? Man könnte es fast annehmen.

Lohnsenkungen um ein Drittel würden jedenfalls einen gewaltigen ökonomischen Schock auslösen. Die ohnehin schwache Kaufkraft auf dem Binnenmarkt würde vollends kollabieren und zwangsläufig eine tiefgreifende Deflation verursachen (Zustand eines allgemeinen und anhaltenden Rückgangs der Preise für Waren und Dienstleistungen). Die Unternehmen müßten die Preise reduzieren, um überhaupt Käufer zu finden und danach erneut die Löhne kürzen. Die Vermieter müßten die Mieten herabsetzen, da Mietwohnungen bei derart geminderten Löhnen schlicht und ergreifend unbezahlbar wären. Viele gewerbliche und private Schuldner müßten Insolvenz anmelden, da sie ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten. Die Sozialsysteme, die ja von den Beiträgen der Arbeitnehmer abhängig sind, wären endgültig am Ende. So käme man etwa um eine generelle Rentenkürzung auf Sozialhilfeniveau gar nicht herum.

Rezepte, wie die von Hans-Werner Sinn, sind kein Gesundschrumpfen mehr, sondern eine krankhafte Magersucht mit verheerenden Konsequenzen. Frei nach dem Motto: Operation gelungen, Patient tot. Sorry, aber Sinn verbreitet hanebüchenen Unsinn. Deutschland ist unstreitig Exportweltmeister, wir könnten uns folglich selbst aus der ökonomischen Dauermisere befreien. Doch dazu müßten wir das Erwirtschaftete anders, und zwar gerechter verteilen. Die mangelnde Verteilungsgerechtigkeit ist unser eigentliches Problem, nicht angeblich zu hohe Löhne.

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[1] Statistisches Bundesamt
[2] Kölnische Rundschau vom 08.02.2006
[3] Frankfurter Rundschau vom 28.01.2006
[4] Interview der Neue Zürcher Zeitung mit Hans-Werner Sinn vom 18.12.2005