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26. Februar 2006, von Michael Schöfer
Vogelgrippe - kein Grund zur Panik?


Die Vogelgrippe hat die Bundesrepublik erreicht. Das war zu erwarten, Deutschland ist bekanntlich keine Insel der Seligen. Noch ist die Vogelgrippe bloß eine Tierkrankheit und die Übertragung von Tier zu Mensch relativ selten. Erst eine Mutation des H5N1-Virus, die die Übertragung von Mensch zu Mensch ermöglicht, könnte eine Pandemie (den Globus umfassende Epidemie) auslösen. Davor haben verständlicherweise alle eine Heidenangst.

Diese Angst ist berechtigt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in den letzten vier Jahren 170 Menschen an der Vogelgrippe erkrankt, 92 davon sind gestorben.



Das ist immerhin eine Mortalitätsrate von 54 Prozent. Selbst wenn hierzulande ungleich bessere medizinische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, als in den bislang betroffenen Staaten, könnte die Sterblichkeit durchaus 20 oder 25 Prozent betragen. Mit anderen Worten: Rund ein Viertel der Infizierten würde die Krankheit nicht überleben. Bei derart hohen Quoten sind unter Umständen weltweit zig Millionen Todesopfer zu beklagen. Ein Schreckensszenario, das bislang zum Glück reine Spekulation bleibt. Ob es überhaupt zu einer für Menschen gefährlichen Mutation des H5N1-Virus kommt, ist aber nach wie vor offen. Der Kelch könnte auch an der Menschheit vorübergehen.

Ob Deutschland auf ein derartiges Worst-case-Szenario ausreichend vorbereitet ist, darf hingegen bezweifelt werden. Zumindest auf Rügen, dem ersten Fundort von Vögeln, die am H5N1-Virus gestorben sind, agierten die Behörden anfangs erschreckend dilettantisch. Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt, für 20 Prozent der Bevölkerung Arzneimittelvorräte anzulegen. "Der Virenspezialist Alexander Kekulé hält die Quote von 20 Prozent dagegen sogar noch für zu niedrig: Für manche Menschen reiche nämlich eine einfache Dosis nicht aus, sagte er der ARD. Die Niederlande haben für 30 Prozent ihrer Bürger Medikamente eingelagert, in Frankreich wären 35 Prozent und in Österreich 40 Prozent der Einwohner versorgt." [1]

Die momentan in Deutschland eingelagerten Bestände sind jedenfalls unzureichend, eine Aufstockung könnte jedoch bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Hat man bereits in der Vergangenheit notwendige Maßnahmen verschlafen?



Grippemittel, beispielsweise Tamiflu, können den Krankheitsverlauf ohnedies nur abmildern, sie sind kein Impfserum. Ein Serum zur Massenimpfung der Bevölkerung kann erst hergestellt werden, wenn der mutierte Erreger vorliegt. Und selbstverständlich kostet die Herstellung wertvolle Zeit. Vermutlich kommt es deshalb im Falle der Pandemie zu einer Panik. Etliche werden versuchen, den Kontakt mit anderen Menschen strikt zu meiden. Man wird sehen, wie viele dann noch zur Arbeit gehen. Die modernen Industriegesellschaften haben keinerlei Erfahrung mit Katastrophen im befürchteten Ausmaß.

Schlimm sind zudem die üblen Geschäftemacher, die sich, wie stets in solchen Situationen, am Unglück anderer bereichern wollen. So werden etwa schon jetzt im Internet 20 Kapseln des verschreibungspflichtigen Grippemedikaments Tamiflu für kraß überhöhte 286 Euro angeboten - der reguläre Apothekenpreis beträgt knapp 67 Euro. [2] Ob das Tamiflu, das man über dunkle, d.h. illegale Kanäle bekommt, wirklich echt ist, ist fraglich. Außerdem könnte selbst die Einnahme von echtem Tamiflu kontraproduktiv sein, denn durch unsachgemäßen Gebrauch werden womöglich noch viel gefährlichere Resistenzen gezüchtet.

und Bei Ebay kann man einen "zweiteiligen amerikanischen ABC-Schutzanzug" ersteigern, der angeblich "antibakteriell, biologisch und chemisch abweisend" sein soll und dadurch nach Aussagen der Anbieter "bestens gegen H5N1 (Vogelgrippe) Bakterien [sic !] geeignet" ist. Daß H5N1 ein Virus ist, also etwas völlig anderes als ein Bakterium, spielt offenbar keine Rolle. Hauptsache, man kann mit der Angst seiner Mitmenschen lukrative Geschäfte machen. Wer hält sich schon mit wissenschaftlichen Fakten auf, wenn es gilt, unbedarfte Zeitgenossen gehörig übers Ohr zu hauen? [3]

Es ist daher trotz allem besser, bei einer Pandemie auf die schnelle und koordinierte Reaktion der Behörden zu vertrauen. Hoffentlich ist das Vertrauen auch gerechtfertigt. Man kann mit Recht verlangen, daß sich die Politik in ausreichendem Maße auf den denkbar schlimmsten Fall vorbereitet. Nur wenn alles Menschenmögliche getan wird, lassen sich panische Reaktionen der Bevölkerung vielleicht verhindern.

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[1] tagesschau.de vom 24.02.2006
[2] Frankfurter Rundschau vom 25.02.2006
[3] Zum nicht unwesentlichen Unterschied zwischen Viren und Bakterien siehe Wikipedia, Viren und Wikipedia, Bakterien