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06. März 2006, von Michael Schöfer
Vom Studium zur Privatinsolvenz?


Ich habe ja bereits hier dargelegt, für wie verhängnisvoll ich die Einführung von Studiengebühren halte. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Doch nun sind die Konditionen bekanntgeworden, zu denen die Banken künftig Studienkredite anbieten wollen. Sie bestätigen die schlimmsten Befürchtungen. In Zukunft wird Bildung hierzulande noch wesentlich mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein, als das ohnehin schon der Fall ist. Fatal für den Wissensstandort Deutschland: ausgewählt wird nicht nach Begabung, sondern nach Einkommen. Den mittleren und unteren Einkommensbeziehern wird es schwer fallen, ihre Kinder auf die Universitäten zu schicken. Es sei denn, diese sind bereit, sich über beide Ohren zu verschulden.

Ab April will die KfW-Förderbank Anträge für Studienkredite entgegennehmen. Studierende können dann ab Mai für höchstens 14 Semester bis zu 650 Euro pro Monat erhalten. "Das Darlehen kann sich auf einen Gesamtbetrag von bis zu 54.600 Euro - plus Zinsen - summieren, und die Rückzahlung soll nach maximal 33 Jahren und sechs Monaten abgeschlossen sein. Der variable Zinssatz beträgt zunächst 5,1 Prozent (plus Gebühr) und wird halbjährlich an die aktuellen Kapitalmarktzinsen angepasst. Er kann also sinken, aber auch steigen", schreibt die Frankfurter Rundschau vom 06.03.2006.

Die Deutsche Bank hat bereits 300 Studienkredite gewährt - allerdings, was die Rückzahlung angeht, zu deutlich kostspieligeren Konditionen als die KfW. Die Dresdner Bank befindet sich bislang in der Testphase und will erst zum nächsten Sommersemester flächendeckend Studienkredite anbieten. Zinssatz bei ihr: 5,99 Prozent. Die Zinsen der hamburgischen HASPA betragen nominal 5,95 Prozent (plus Gebühr). Andere Kreditinstitute sind noch in Wartestellung.

Unmittelbar nach dem Studium vielleicht 54.600 Euro Schulden zu haben und diese 33 1/2 Jahre lang abzustottern, ist nicht gerade eine verlockende Aussicht. Rechnerisch müssen die Jungakademiker für das Darlehen monatlich 135,82 Euro berappen. [1] Auf den ersten Blick eine bescheidene Summe. Doch die Zinsen, deren Höhe überdies vom wechselhaften Geschehen auf den Kapitalmärkten bestimmt wird, muß man noch hinzurechnen. Einen gleichbleibenden Zinssatz von 5,1 Prozent unterstellt, sind das anfangs also zusätzlich 232,05 Euro. [2] Macht summa summarum 367,87 Euro. Monat für Monat.

Berücksichtigen sollte man außerdem, daß die heutigen Studenten ihre eigene private Altersvorsorge schultern müssen. Wenn sie eine Riester-Rente abschließen, bedeutet das bis zur Höchstfördersumme von 2.100 Euro eine Belastung von vier Prozent des Einkommens. Der Staat schießt, solange keine Kinder vorhanden sind, lediglich 154 Euro zu. Daraus resultiert eine maximale monatliche Belastung von 162,17 Euro (Steuervergünstigungen, die man im Rahmen der jährlichen Einkommensteuererklärung geltend machen kann, sind hier unberücksichtigt geblieben). [3]

Die Jungakademiker können, sofern sie überhaupt eine Beschäftigung finden, von ihrem Monatsgehalt gleich vorneweg 530,04 Euro für die Rückzahlung ihres Studiendarlehens bzw. für die private Altersvorsorge abziehen. [4] Immerhin bei einem Ledigen gut ein Drittel des heutzutage üblichen Nettodurchschnittsverdienstes. Konsumieren, Miete zahlen, später Haus oder Eigentumswohnung kaufen, Urlaub machen, Kinder aufziehen und womöglich pflegebedürftige Eltern unterstützen sollen sie auch noch. Ich fürchte, den Politikern ist nicht klar, was sie den jungen Menschen zumuten.

Eine solche Politik ist absolut unverantwortlich. Sie ist nicht nur unsozial, sondern wird unser Land in punkto Bildung weiter zurückwerfen. Unsere Wirtschaft, die eigentlich auf keinen klugen Kopf verzichten kann, wird wohl bald mächtig darunter zu leiden haben. Spätestens in 10 Jahren wird man sich nämlich nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern die Finger wundlecken. Freilich könnte es dann viel zu spät sein, weil Versäumnisse bei der Ausbildung im nachhinein nur schwer wettzumachen sind. Studiengebühren mögen heute eine Entlastung der öffentlichen Kassen bringen, für die Zukunft unseres Landes sind sie indes eine enorme Hypothek. Die Schocktherapie auf dem Bildungssektor wird unweigerlich Narben hinterlassen. Und es ist vor diesem Hintergrund völlig unverständlich, wieso man dennoch diesen Weg beschreitet.

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[1] 54.600 Euro : 402 Monate = 135,82 Euro pro Monat
[2] 54.600 Euro x 5,1 Prozent = 2784,60 Euro pro Jahr = 232,05 Euro pro Monat
[3] 2.100 Euro - 154 Euro = 1946 Euro pro Jahr = 162,17 Euro pro Monat
[4] 135,82 Euro Studienkredit / 232,05 Euro Zinsen / 162,17 Euro Riester-Rente