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15. März 2006, von Michael Schöfer
Was ist Glück?


In Deutschland wurden im Jahr 2004 exakt 395.992 Ehen geschlossen, im gleichen Jahr allerdings auch 213.691 wieder geschieden. [1] Gut die Hälfte der Paare werden also nur bedingt glücklich miteinander. 1972 waren 26,2 Prozent der Privathaushalte Einpersonenhaushalte. [2] Dreißig Jahre später, im Jahr 2002, waren es schon 35,7 Prozent. [3] Die Gesellschaft zerlegt sich peu a peu in ihre kleinsten Bestandteile. Sie atomisiert sich.

Es sind keineswegs die Alten, die nach dem Tod ihres Partners gezwungenermaßen alleine leben. Von den 255.392 Einpersonenhaushalten der Stadt Köln werden 119.568 (= 46,8 Prozent) von Menschen im Alter unter 40 Jahren bewohnt, 67.398 (= 26,4 Prozent) von Menschen im Alter zwischen 40 bis 60, und lediglich 68.426 (= 26,8 Prozent) im Alter über 60. [4] Auch wenn es in den Städten überproportional viele Einpersonenhaushalte gibt, rund doppelt so viele wie auf dem Land, sind die Zahlen äußerst aufschlußreich. Glück, und Partnerglück ist zumindest ein Teil davon, wird in Deutschland offenbar immer seltener. Sicherlich sind nicht alle Alleinlebenden einsam, gleichwohl nimmt die Einsamkeit hierzulande unaufhörlich zu.







Was ist überhaupt Glück? Darüber streiten sich die Philosophen seit Jahrtausenden, und nach wie vor gibt es keine objektiv gültige Aussage. Glück ist nämlich etwas höchst Subjektives.

Manchmal flüstert es uns ins Ohr: "Nimm mich!" Doch dann sind wir zu beschäftigt und haben anderes zu tun, müssen etwa dringend Einkäufe erledigen. "Ein andermal", entgegnen wir pikiert. Warum Spontaneität zeigen? Glück will gründlich geplant sein! Samstag abend, pünktlich um Viertel nach Acht. Nicht früher, nicht später. Verpaßte Chancen, die kaum wiederkehren.

Zuweilen findet man das Glück völlig unerwartet mitten auf der Straße. Aber viele sind zu faul, sich danach zu bücken. Desinteressiert lassen sie es liegen. Oder sie trauen sich nicht, es aufzuheben. Man will alles gewinnen, erinnert sich jedoch plötzlich bloß noch an das, was man dabei verlieren könnte. Beispielsweise sein Gesicht. Gelegentlich werfen wir das Glück sogar verächtlich fort, nur um ihm anschließend verzweifelt nachzutrauern. Hinterher durchstöbern wir sämtliche Papierkörbe nach dem zerknüllten Zettel mit dem großen Glück.

Glück wird häufig auf später verschoben, bis wir uns endlich Zeit dafür nehmen können. Ob wir das Konto dann noch plündern dürfen, steht freilich in den Sternen. Glück wird nicht selten genau begutachtet, penibel abgewogen und kritisch hinterfragt. Man kann es zweifellos auch zu Tode analysieren. Die Einzelteile des Puzzles zerstreut der Wind in alle Richtungen, sie finden nie wieder zu einem Ganzen zusammen. Glück wird uns vor allem durch die Moral vermiest. Was könnten die Nachbarn, Verwandten respektive Kollegen sagen? Unentwegt werden Bedenken ausgepackt, wie weiland Geschenke an Weihnachten. Suche das Glück in der Matrjoschka - die letzte Puppe ist mit Sicherheit leer.

Glück ist käuflich. Wenigstens bilden wir uns das ein. Von dieser Illusion lebt die Wirtschaft. Stets fehlt noch dieses oder jenes zu unserem vollkommenen Glück, doch spätestens nach drei Wochen konzentrieren wir unsere Wünsche auf ein anderes Objekt. Das alte ist überraschend reizlos geworden. Der BMW in der Garage, die schicke Armbanduhr am Handgelenk, das repräsentative Notebook auf dem Schreibtisch - alles wirkt nach einer Weile irgendwie fad. Zum Glück ist Glück überreichlich im Angebot: beim Quelle-Versand, in der Galeria Kaufhof oder bei Saturn. Selbst Otto findet es gut. Glück reduziert sich auf eine Frage des Geldbeutels. Ach, wenn es so einfach wäre...

Was ist Glück? Eine einfache Frage, auf die wir meist keine Antwort wissen. Trotzdem sucht die ganze Welt danach. So als stünde genau fest, was Glück ausmacht. So als ginge es bloß darum, den Ort ausfindig zu machen, an dem es sich böswilligerweise versteckt hält. Läßt sich Glück eventuell auf eine chemische Reaktion in unserem zentralen Nervensystem reduzieren? "Laden Sie ihre Glückshormone auf. Jeder Mensch kann glücklich sein. Nehmen Sie einfach eine Kapsel XY." Behauptet zumindest die Werbung.

Wer eine Antwort erwartet hat, den muß ich leider enttäuschen. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Aber vielleicht liegt das Glück gar nicht dort, wo wir es gemeinhin erwarten. Unter Umständen findet man es nicht im Mehr, sondern vielmehr im Weniger. Wer aufhört, krampfhaft nach dem Glück zu suchen, kommt ihm dadurch mitunter näher. Das klingt zunächst paradox, doch könnte durchaus etwas Wahres dran sein. Wie auch immer, jedenfalls ist das Glück unsere größte Herausforderung. Was willst Du werden? Feuerwehrmann, Zahnarzt oder Lokomotivführer? Nein, im Grunde nur glücklich!

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[1] Statistisches Bundesamt
[2] Bundeszentrale für politische Bildung
[3] Statistisches Bundesamt, Datenreport 2004, PDF-Datei mit 124 kb
[4] Stadt Köln - Amt für Stadtentwicklung und Statistik