Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



17. März 2006, von Michael Schöfer
Was nützt uns ein Flug zum Mars?


Wissenschaft ist eine Sache für sich. Die meisten nehmen bloß zur Kenntnis, daß es diesen Zweig der menschlichen Kultur überhaupt gibt. Albert Einstein? War das nicht der mit der Relativität? Richtig! Damit ist das wissenschaftliche Interesse des Durchschnittsbürgers üblicherweise gedeckt. Völlig zu Unrecht, aber sein Alltagsleben wird halt durch die moderne Physik kaum tangiert. Wenigstens vordergründig. Das Raum-Zeit-Kontinuum, die Zeitdilatation, Schwarze Löcher im Universum oder die Quantenmechanik sind hier auf Erden weitgehend irrelevant. Zwar gäbe es ohne Einstein wahrscheinlich keinen Computer, doch ist das für "Otto Normalverbraucher" eben vergleichsweise uninteressant. Die Entwicklungsgeschichte des PCs und seine genaue Funktionsweise (was passiert konkret im Mikrochip?) braucht die breite Masse nicht zu kennen. Hauptsache sie erwirbt ihn. Das genügt vollkommen. Aufmerksamkeit erhalten höchstens spektakuläre Ereignisse. Die Mondlandung war so ein Ereignis. Und bald soll der bemannte Flug zum Mars diesen Aufmerksamkeitswert noch übertreffen.

Doch die Kassen sind leer. Wird zumindest behauptet. Gleichwohl hat US-Präsident George W. Bush der Öffentlichkeit schon vor geraumer Zeit Pläne für einen bemannten Flug zum Mars präsentiert. [1] Für Projekte, über deren Sinn man trefflich streiten kann, ist also nach wie vor Geld vorhanden. Die Kosten für einen bemannten Marsflug werden von der ESA (European Space Agency) auf 20 bis 100 Mrd. Euro geschätzt. [2] Frühere Kalkulationen der NASA sind von rund 400 Mrd. US-Dollar ausgegangen. [3] Alternative Vorschläge, z.B. "Mars Direct", beziffern die Gesamtausgaben auf immerhin 40 Mrd. Euro. [4]

Wie man es dreht und wendet, eine bemannte Mission zum Mars ist extrem teuer. Und wofür das Ganze? Nur um ein paar Astronauten für wenige Monate auf unserem Nachbarplaneten abzusetzen - stets in der Hoffnung, man bekommt sie auch wieder heil herunter, was freilich angesichts der technischen Herausforderung, die ein solcher Flug darstellt, niemand garantieren kann? Fehlschläge unbemannter Raumsonden gab es ja bereits genug. Die wissenschaftliche Ausbeute einer derartigen Marsmission ist überdies höchst umstritten. In erster Linie ist der bemannte Flug zum Mars wohl eine Prestigeangelegenheit. Und was haben wir davon? Sollen wir wirklich horrende Kosten in Kauf nehmen, obgleich der Nutzwert vermutlich umgekehrt proportional zum finanziellen Aufwand ist? Zweifel sind durchaus berechtigt.

Ich persönlich hätte andere Projekte im Auge, in die man Geld pumpen müßte. Intelligente Haushaltsroboter beispielsweise, denn sie würden unser Alltagsleben kolossal erleichtern und dadurch geradezu revolutionieren. Einfach morgens, kurz vor dem Weg zur Arbeit, bei Robbi aufs rote Knöpfchen drücken - schon wäre abends die Wohnung blitzblank geputzt. Waschen, Bügeln, Staubwischen, Putzen, vielleicht sogar Einkaufen - das alles würde Robbi erledigen. Ganz ohne unser Zutun. Der Mensch könnte sich fortan der Muße widmen. Das wäre doch traumhaft, oder nicht? Zwar sind Haushaltsroboter sicherlich weniger spektakulär als das Marsprojekt, sie hätten jedoch im Gegensatz zu letzterem enorme Auswirkungen auf unsere Lebensweise.

Der persönliche Haussklave aus Blech, der uns die lästigen Dinge des Lebens vom Leib hält, wäre viel nützlicher. Folglich würde ich Investitionen besonders in diese Richtung lenken. Nach ein paar Flügen ist der Mars für die Wissenschaftsgemeinde bestimmt ähnlich uninteressant, wie es das Apollo-Programm nach der letzten Mondlandung im Dezember 1972 gewesen ist. "That's one small step for [a] man, one giant leap for mankind", sagte Neil Armstrong, als er am 21. Juli 1969 um 03:56:20 Uhr (MEZ) als erster Mensch die Mondoberfläche betrat (dt. "Dies ist ein kleiner Schritt für [einen] Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.") Hey, lassen wir das doch unsere Blechheimer sagen, wenn wir sie Sonntag vormittag zum Bäcker schicken. Der große Sprung für die Menschheit wäre dann der zurück unter die Bettdecke.

----------

[1] FAZ.Net vom 15.01.2004
[2] ZDF
[3] Wikipedia, Bemannter Marsflug
[4] Mars Society Deutschland, PDF-Datei mit 773 kb