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01. April 2006, von Michael Schöfer
Rechtschreibreform - endlich erlöst?


Wir sind bekanntlich eine Wissensgesellschaft. Unser Credo lautet deshalb "lebenslanges Lernen". Wie wir erkennen mußten, ist nichts vergänglicher als das Wissen von gestern. Oder führen Sie sich etwa den Wetterbericht des vorletzten Wochenendes zu Gemüte? Sehen Sie. Das Dasein ist halt nicht mehr so bequem wie früher, die sich exponentiell beschleunigende kulturelle Evolution fordert ihren Tribut. Stagnation heißt nicht Stillstand, sondern neuerdings Rückschritt. Und zwar relativ zu den anderen. Begriffe verlieren im Kontext der Moderne ihre ursprüngliche Bedeutung.

Das mußte auch den Damen und Herren vor Augen gestanden haben, die uns vor ein paar Jahren mit der Reform der deutschen Rechtschreibung beglückten. Während man sich früher noch "kochendheißes" Wasser übergoß, hatte das fortan getrennt zu erfolgen ("kochend heißes"). Auswirkungen auf die Wundheilung wurden allerdings keine nachgewiesen. Und herausgerutschte Beleidigungen taten einem nicht mehr "leid", sondern "Leid". Die Beleidigten fühlten sich dadurch aber nur gelegentlich besänftigt. Rosa Luxemburgs "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" mutierte zu "Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden" - was übrigens Autokraten völlig unabhängig von der jeweils gültigen Rechtschreibung schon von jeher mächtig gestört hat.

Nun kommt die Reform der Reform. Das Volk war nämlich höchst unzufrieden. "Künftig soll also wieder zusammengeschrieben werden, was zusammen gehört, das heißt was vom Sinn her eine Einheit bildet", erläuterte der Focus. [1] Womit man beiläufig zugibt, daß die Rechtschreibreform in vielen Fällen keinen Sinn ergab, sonst bräuchte man sie ja nicht teilweise zurücknehmen. Der Papst darf endlich wieder "heiligsprechen" anstatt "heilig sprechen", Chefs dürfen Untergebene wieder "fertigmachen" anstatt "fertig machen", und ich darf meine Traumfrau wieder "kennenlernen" anstatt "kennen lernen". Sie ahnen gar nicht, welcher Stein mir vom Herzen fällt.

Bedauerlicherweise macht sich mit der Reform der Reform eine gewisse Beliebigkeit breit. Ich darf jetzt z.B. "Recht haben" und "recht haben". Ganz wie ich es will. Ob ich es bekomme, hat die Kultusministerkonferenz freilich offen gelassen. Zumindest darf man in Briefen das vertrauliche "Du" und die besitzanzeigenden Fürwörter wieder großschreiben. Ups, ich wußte gar nicht, daß man das vorübergehend abgeschafft hatte. Hoffentlich bekomme ich keine Schwierigkeiten, wenn man mir nachträglich - offenbar zu Recht - vorhält, ich hätte bei meinem Bekenntnis "Ich liebe Dich" zeitweise falsch gelegen. Gilt die Neuregelung eigentlich auch für E-mails, denn wer schreibt heutzutage noch Briefe?

Jedenfalls wollen die Schriftsteller trotz der Reform der Reform an der herkömmlichen Schreibweise festhalten. "Der Staat gehört nicht zu den Instanzen, denen Literatur sich unterwirft", heißt es in ihrer Erklärung. [2] Überhaupt scheint vor allem der Duden-Verlag vom Rechtschreibchaos zu profitieren. Mein alter Duden von 1973 hätte es bestimmt noch eine Weile getan. Aber da man zwangsläufig mit der neuen Rechtschreibung umgehen muß, ob einem das paßt oder nicht, war eben vor sechs Jahren ein neuer fällig. Und wie der Duden-Verlag bereits angekündigt hat, erscheint am 22. Juli 2006 ein aktueller Rechtschreib-Duden, der die von der Kultusministerkonferenz abgesegnete Modifizierung des amtlichen Regelwerkes enthält. Gut für den Umsatz.

Der Verdacht, als Motiv der einstigen Reform habe weniger das leichtere Lernen der deutschen Schriftsprache zugrundegelegen, als vielmehr das Aufpäppeln von Unternehmensbilanzen, läßt sich nicht von der Hand weisen. Da sich erneut Unzufriedene gemeldet haben, denen selbst die Reform der Reform nicht genügt, ist wohl auch künftig für weiter sprudelnde Umsätze gesorgt. Wenigstens beim Duden-Verlag. Denn wer kann behaupten, dies sei die letzte Reform gewesen. Niemand.

Unter Umständen ringt man sich sogar zur konsequenten oder gemäßigten Kleinschreibung durch. "Während die konsequente Kleinschreibung die Vermeidung aller Großbuchstaben meint, lässt eine gemäßigte Kleinschreibung (die man ebenso gut als gemäßigte Großschreibung bezeichnen könnte) bestimmte Fälle groß geschriebener Wörter zu, etwa am Satzanfang oder bei Eigennamen." [3] Immerhin wäre das eine wirklich hilfreiche Reform, der größte Teil des Rechtschreibchaos wäre nämlich mit einem Schlag beseitigt. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Tja, warum?

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[1] Focus-Online vom 11.04.2005
[2] Börsenblatt vom 29.03.2006
[3] Wikipedia, Kleinschreibung