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22. April 2006, von Michael Schöfer
Prozeßhansel


Es soll ja Leute geben, die andere ständig verklagen, etwas getan zu haben. So ist es beispielsweise bei den Songs, die am Eurovision Song Contest (früher Grand Prix d' Eurovision de la Chanson) teilnehmen, gang und gäbe, den Komponisten Plagiatvorwürfe zu machen. Es gibt aber auch Leute, die andere ständig verklagen, weil sie festgestellt haben wollen, nichts gemacht zu haben.

So ließ etwa Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder dereinst gerichtlich feststellen, daß er seine Haare NICHT gefärbt hat. Dessen Gattin, Doris Schröder-Köpf, hat gerade - hierbei offenbar einer langen Familientradition folgend - vor dem Landgericht Hamburg einen Rechtsstreit gegen den Stern gewonnen. Streitpunkt war die Behauptung des Magazins, die Kanzlergattin habe seinerzeit ihren Mann auf die Idee mit der Vertrauensfrage gebracht. "Diese Behauptung sei unwahr und müsse richtig gestellt werden", urteilte das Gericht. [1] Der Stern muß jetzt eine Richtigstellung veröffentlichen. Schröder-Köpf hat ihren Mann also NICHT auf die Idee gebracht.

Okay, seid gewarnt: Ich habe beim Frühstück NICHT in der Nase gepopelt. Ich habe bei der Bundestagswahl NICHT Angela Merkel gewählt. Natürlich habe ich diesen Text auch NICHT geschrieben. Wer etwas anderes behauptet, den verklage ich. Und wenn Ihr mich jetzt einen Prozeßhansel nennt, verklage ich Euch auch. Verklagen macht nämlich Spaß. Wie bitte? Nein, ich wurde NICHT vom Ehepaar Schröder adoptiert, selbst wenn gewisse Gemeinsamkeiten nicht zu leugnen sind.

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[1] taz vom 22.04.2006