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27. April 2006, von Michael Schöfer
Helden von heute, Pflaumen von morgen


Erinnern Sie sich noch an Edzard Reuter? Der 1928 geborene Sohn des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter ("Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!"), erklomm beim renommierten Fahrzeughersteller Daimler-Benz die Karriereleiter und wurde dort 1987 Vorstandsvorsitzender. Anfangs feierte man Reuter mit seinem Konzept des "integrierten Technologiekonzerns" als "Visionär" und "Gestalter". Nach massiven Verlusten warf man ihm allerdings später vor, mit seinen Visionen den Konzern "beinahe auf Grund manövriert zu haben" [1] Es hagelte Kritik von allen Seiten. Edzard Reuter mußte gehen.

"Der König ist tot - es lebe der König", nach diesem Muster ging 1995 der Staffelstab an Reuters Nachfolger Jürgen Schrempp über. Auch bei ihm knallten anfangs die Sektkorken. Schrempp sollte die "milliardenschweren Fehler" seines Vorgängers bereinigen, beendete Reuters Vision vom "integrierten Technologiekonzern" und leitete die "Konzentration auf das Fahrzeuggeschäft" ein. Raus aus der Diversifizierung, rein in die Konzentration aufs Kerngeschäft, hieß es plötzlich.

Die wichtigsten Projekte der Ära Schrempp waren der Zusammenschluß mit dem amerikanischen Autobauer Chrysler und die Beteiligung an Mitsubishi. Doch gerade damit band er dem Konzern zwei kostenträchtige Mühlsteine um den Hals, mit denen das Unternehmen zeitweise in den Fluten unterzugehen drohte. Schrempps hochfliegende Pläne von der "Welt-AG" sind komplett gescheitert, beklagt man heute. Der einst Hochgelobte mutierte zum Loser und mußte seinerseits Ende 2005 schmachvoll Abschied nehmen. Bei den Aktionären knallten erneut die Sektkorken.

Sie ahnen es bestimmt: "Der König ist tot - es lebe der König." Der neue Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler heißt seitdem Dieter Zetsche. Und der neue Chef wird natürlich, wie könnte es anders sein, gelobt und gefeiert. Jetzt haben sie endlich den Richtigen. Ja, ja, wer's glaubt. Zetsche gilt als Sanierer und soll die "milliardenschweren Fehler" seines Vorgängers bereinigen, geplant ist dabei u.a. ein massiver Stellenabbau. Warten wir also ein Weilchen, bis bei Zetsche der Lack ab ist und die Aktionäre seinen Abschied ebenfalls mit Schampus begießen.

Was lernen wir daraus? Nun, Manager kommen und gehen. Und mit ihnen ihre ehrgeizigen Konzepte. Rückblickend verwundert bloß die Naivität, die man dem jeweils neuen König entgegenbringt. Doch wenn sie abgewirtschaftet haben, paart sich die Ernüchterung keineswegs mit Realitätssinn, sondern abermals mit frappierender Naivität. Langfristig betrachtet stellt man dann in der Firmenpolitik einen eigentümlichen Schlingerkurs fest. Wenn das Unternehmenskonzept innerhalb von 20 Jahren dreimal grundlegend geändert wird, sollte das schon zu denken geben.

Die Geschichte von Daimler-Chrysler ist repräsentativ für andere. Manchmal hat man geradezu den Eindruck, einige Manager frönen bei der Unternehmensführung lediglich ihrer populären Modeerscheinungen unterworfenen Egomanie. Die ihnen anvertraute Firma ist dabei nur eine Spielwiese. Zudem wird das hartnäckige Vorurteil widerlegt, in der Privatwirtschaft ginge es effektiver zu als beim Staat. Wenn man genau hinschaut, sieht nämlich alles ein bißchen anders aus. Die Milliarden, die von Reuter, Schrempp & Co. versenkt wurden, sind hierfür wohl das beste Beispiel.

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[1] Die Zeit 6/1998