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16. Juni 2006, von Michael Schöfer
Die Welt zu Gast bei Freunden?

"Deutschland, Deutschland", grölen meist deutlich alkoholisierte Fans, wenn sie sich spätnachts auf den Nachhauseweg machen. Aus Gaststätten schallt uns seit dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica unentwegt der Superhit von Queen entgegen: "We are the champions" Im ganzen Land sind Autos und Balkone mit Deutschlandfahnen dekoriert. Kein Zweifel, die Fußballweltmeisterschaft hat begonnen. Und die Republik ist im Fußballfieber.

"Die Welt zu Gast bei Freunden", heißt das Motto der Fifa-WM 2006. Eine sympathische Aussage, die signalisieren soll, ihr seid willkommen und unsere Begeisterung ist kein nationaler Überschwang, der sich gegen andere richtet. Kein Nährboden für Rechtsradikale also. Bislang, nach zwei Siegen, ist die Stimmung gigantisch. Zumindest die Fans beherzigen das offizielle Motto der Veranstaltung. Noch. Ob es auch nach Niederlagen der deutschen Elf dabei bleibt, steht dahin. Wir werden sehen.

Nicht mit Ruhm bekleckert haben sich hingegen die deutschen Behörden. Im Gegenteil, sie haben sich abermals mächtig blamiert. Die Welt zu Gast bei Freunden? So ernst ist das nun auch wieder nicht gemeint. In hiesigen Amtsstuben denkt man bekanntlich grundlegend anders. Manche müssen nämlich unfreiwillig draußen bleiben. So haben beispielsweise von rund 4.000 Fußballbegeisterten der Elfenbeinküste lediglich 500 ein Visum erhalten. [1] Den übrigen, obgleich im Besitz von Eintrittskarten, verweigerte man kurzerhand die Einreise. Vermutlich aus Angst, sie könnten Asylanträge stellen.

Die Welt zu Gast bei Freunden? Keinesfalls. Könnte ja jeder kommen. Jeden x-Beliebigen hereinlassen, zählt gewiß nicht dazu. Was geht uns die WM an? Schließlich bestimmen wir, wen wir zu unseren Freunden zählen, nicht die Fifa. Schadensersatz? Wenden Sie sich bitte an Herrn Blatter. Schließlich hat der uns das Ganze eingebrockt. Dann soll er die Suppe auch gefälligst selbst auslöffeln. Wir verschanzen uns hinter unseren Vorschriften. Basta!

Deutschland präsentiert sich weltoffen und tolerant. Wenigstens gilt das für die Bevölkerung. In den manchen Behörden wiehert dagegen der Amtsschimmel, der partout nicht auf seine bescheuerte Engstirnigkeit verzichten will. Ein Trauerspiel. Und erneut eine verpaßte Chance, der Welt ein positives Bild von Deutschland vorführen. We are the champions? Ja, aber weniger auf dem Fußballplatz. Zumindest vorerst nicht. Doch mit Sicherheit sind wir Weltmeister in puncto staatlicher Borniertheit. Leider bekommt man dafür keine Pokale.

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[1] taz vom 10.06.2006