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07. August 2006, von Michael Schöfer
Adel verpflichtet


Und wozu? Nun, offenbar zumindest die eigenen Privilegien über sämtliche gesellschaftlichen Umbrüche hinweg aufrechtzuerhalten. So ist es kein Wunder, wenn der deutsche Adel bis zum heutigen Tag der 1918 mit dem I. Weltkrieg verlorengegangenen Macht hinterhertrauert. "Die Monarchie scheint für mich immer noch die beste Staatsform zu sein", beteuerte etwa Carl Herzog von Württemberg kürzlich in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Höchster Repräsentant Deutschlands sollte seiner Auffassung nach ein König sein. "In meinen Augen ist ein Monarch weit weniger abhängig als ein aus der Politik nach oben gekommener Repräsentant des Staates." [1] Er plädiert deshalb für eine "demokratische Monarchie nach spanischem oder niederländischem Vorbild". [2] Bundespräsident Horst Köhler ein Parvenü? Gustav Heinemann, Richard von Weizsäcker oder Walter Scheel - alles bloß "nach oben gekommene" Staatsoberhäupter?

Monarchie bedeutet, daß jemandem Privilegien nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie zuteil werden. Deren Abkömmlinge rücken dann automatisch in das höchste Staatsamt auf. Als Befähigungsnachweis genügt die Geburt. Ob sich das Kind später zum charakterlosen Schwachkopf oder prügelnden Pinkel-Prinz entwickelt, ist völlig unerheblich. Damit müßten wir uns eben abfinden. Und das auf Lebenszeit. Alles schon gehabt, diesbezüglich genügt ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher. Carl Herzog von Württemberg könnte darin überdies nachlesen, wieviel Unglück seine Standesgenossen über die Menschheit brachten. Dem Adel ging es ja meist recht gut. Aber dem Volk? Schließlich haben die Franzosen seinerzeit Marie Antoinette und Ludwig XVI. nicht grundlos zum Teufel gejagt. Oder doch? Und als sich Friedrich August III. von Sachsen 1918 mit dem - allerdings nicht verbürgten - Ausspruch "Macht doch eiern Dreck alleene!" aus der Verantwortung für das angerichtete Unheil stahl, war das nicht gerade ein Beleg für dessen Charakterstärke. Die Monarchie als beste Staatsform? Selten so gelacht!

Privilegien sind per se demokratiewidrig und eines modernen Industriestaates unwürdig. Heinrich Lübke, von 1959 bis 1969 ein vor allem bei Kabarettisten geschätzter Bundespräsident ("liebe Neger"), ist man zum Glück nach vielen Peinlichkeiten wieder losgeworden. Eine dekadente Blutsaugerkanaille aber repräsentiert uns womöglich 50 oder 60 Jahre lang. Nein danke! Anstatt eines Königs oder Kaisers (Konkurrenz für Franz Beckenbauer?) wünsche ich mir einen Bundespräsidenten, der vom Volk gewählt wird, nicht die Wiedereinführung einer in meinen Augen höchst fragwürdigen Legitimität.

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[1] Presse-Echo vom 31.07.2006
[2] Bild.de vom 03.08.2006