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14. August 2006, von Michael Schöfer
Das Geständnis von Günter Grass

Mir als Nachgeborenem werden die dunklen Jahre der Nazi-Diktatur immer unbegreiflich bleiben. Wie konnte eine gescheiterte Existenz, ein Mann mit mangelhafter Bildung und - aus heutiger Sicht - erkennbar krankhaftem Wesen, damals eigentlich Reichskanzler werden? Warum kamen seinerzeit intolerante Kleingeister und skrupellose Halunken an die Macht? Was verleitete darüber hinaus fast ein ganzes Volk, ihnen auch noch begeistert zuzujubeln? Und was befähigt Menschen zu solch barbarischen Verbrechen? Gewiß, über all das gibt es viele kluge Bücher. Selbst wenn man nach deren Lektüre einiges über die Bedingungen, die den Aufstieg Hitlers begünstigten, etwa die tiefgreifende Wirtschaftskrise oder die traumatischen Wirkungen des I. Weltkriegs, weiß - unfaßbar bleibt es trotzdem. Es ist die Monstrosität des Holocaust, der minutiös geplante Mord an Millionen und die dabei zutagegetretene Abwesenheit jeglicher Humanität, die uns fassungslos zurückläßt.

Was mich in diesem Zusammenhang immer brennend interessierte, ist die Frage, wie ich selbst in jener Zeit gehandelt hätte. Wäre ich nicht viele Jahre danach auf die Welt gekommen, sondern beispielsweise schon Mitte der zwanziger Jahre, wäre ich dann gegenüber den braunen Verführern wirklich resistent gewesen? Im nachhinein kann man schließlich viel behaupten. It's easier from an arm chair. Mitte der zwanziger Jahre das Licht der Welt erblicken hätte jedoch bedeutet, bereits als Grundschüler der Nazi-Propaganda ausgesetzt gewesen zu sein. Ich wäre vermutlich, wie viele andere auch, mit dem festen Glauben an Hitler aufgewachsen. Eine andere Perspektive hätte mir wohl nur ein gegenüber dem NS-Regime kritisch eingestelltes Elternhaus vermittelt, doch wäre ich in ein solches überhaupt hineingeboren worden? Ich weiß es nicht. Es ist deshalb gut möglich, daß aus mir in den dreißiger Jahren ein überzeugter Nazi geworden wäre.

Günter Grass, Jahrgang 1927, SPD-Anhänger, Literaturnobelpreisträger, ein stets unbequemer bzw. die Gesellschaft mahnender Zeitgenosse, hat jetzt eingestanden, sich als fünfzehnjähriger Hitlerjunge vergeblich als Freiwilliger zur U-Boot-Truppe gemeldet zu haben. Mit siebzehn (im Herbst 1944) wurde er einberufen und kam vom Arbeitsdienst zur Division "Frundsberg", eine Einheit der Waffen-SS. [1] In den Nürnberger Prozessen wurde die Waffen-SS zur verbrecherischen Organisation erklärt. Natürlich hat sein spätes Eingeständnis die Wellen hochschlagen lassen.

Schriftstellerkollege Ralf Hochhuth hält Günter Grass nach dessen Geständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS für "moralisch diskreditiert". [2] Der Hitler-Biograf Joachim Fest urteilt: "Er verstehe nicht, wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen - und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war." [3] CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen fordert gar, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Und der frühere polnische Präsident, Lech Walesa, verlangt von ihm, auf die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig zu verzichten. [4]

Man muß Grass nicht mögen - weder als Schriftsteller noch als Mensch. Zu seinem Werk fand ich nie den rechten Bezug. Und geärgert hat mich, daß er am 01.10.2004 den Aufruf "Auch wir sind das Volk" unterzeichnete, in dem neben Grass etliche andere Millionäre die Hartz-IV-Gesetze Gerhard Schröders als "überlebensnotwendig für den Standort Deutschland" bezeichneten. Gerade von Günter Grass hätte ich mehr soziale Sensibilität erwartet. Das Sein prägt offenbar doch das Bewußtsein, wie ein gewisser Karl Marx einst behauptete. Den Vorwurf, jetzt "moralisch diskreditiert" zu sein, halte ich gleichwohl für total überzogen. Grass mag umstritten sein, aber er ist angesichts seines jahrzehntelangen politischen Engagements über jeden Zweifel erhaben, mit den Nazis zu sympathisieren. Und von der "tiefen Verstrickung" eines Siebzehnjährigen in die Verbrechen des Dritten Reiches zu sprechen, ist hanebüchen. Solch absurde Vorwürfe fallen auf die Urheber selbst zurück. Ralf Hochhuth und Joachim Fest, habt ihr wenigstens ein bißchen nachgedacht, bevor ihr euch ostentativ moralisch entrüstet habt? Vermutlich nicht, denn sonst wären derart haltlose Anklagen unterblieben.

Es geht denn auch gar nicht um die Frage, ob sich ein Siebzehnjähriger vor 62 Jahren irgendwie schuldig gemacht hat. Es geht ebensowenig um den Zeitpunkt seines Eingeständnisses. Es geht vielmehr im Kern darum, ob Günter Grass etwas daraus gelernt hat. Und das kann man zweifellos bejahen. Ihm jetzt aus seinem damaligen Verhalten einen Strick drehen zu wollen, ist in meinen Augen niederträchtig. Vielleicht war Grass einst tatsächlich ein überzeugter Nazi, vielleicht hat er sich in seiner Verblendung wirklich bemüßigt gefühlt, für Deutschland in den Krieg zu ziehen. All das vermuten wir bloß, dazu hat sich Grass bislang meines Wissens nicht näher ausgelassen. Doch selbst wenn es so war, nach dem Krieg trat er stets als Nazi-Gegner in Erscheinung. Und das zu einer Zeit, als andere trotz eindeutiger Beweise immer noch nichts vom Holocaust wissen wollten. Letztere sind mir genau aus diesem Grund wesentlich suspekter.

Man kann keinem in den Kopf schauen. Ich interpretiere Grass' Eingeständnis allerdings als befreienden Akt eines Menschen, der von seinem Gewissen geplagt wurde. Von Schuld, moralischer Diskreditierung oder gar Nähe zum Nazi-Regime kann ich bei Grass jedenfalls nichts erkennen. Insofern sind auch die Forderungen, den Literaturnobelpreis zurückzugeben oder auf die Ehrenbürgerschaft Danzigs zu verzichten, geradezu grotesk.

Was noch zu bemerken wäre:

"Im März 2005 geriet Rolf Hochhuth (...) in die Schlagzeilen, da er in einem Interview mit der rechts-nationalen Wochenzeitung Junge Freiheit den britischen Historiker David Irving verteidigt hatte, der mehrfach gerichtlich als Holocaustleugner verurteilt wurde (München 1993, London 2000, Wien 2006) und in Deutschland mit einem Einreiseverbot belegt ist. Hochhuth sagte: 'Irving ist ein fabelhafter Pionier der Zeitgeschichte, der großartige Bücher geschrieben hat. Ganz zweifellos ein Historiker von der Größe eines Joachim Fest. Der Vorwurf, er sei ein Holocaustleugner, ist einfach idiotisch!' ('Junge Freiheit' 08/05, 18. Februar 2005). Gegenüber dem Berliner 'Tagesspiegel' bekräftigte Hochhuth die Parteinahme einen Tag später. Hier sagte er, dass Irving 'sehr viel seriöser (sei) als viele deutsche Historiker'. Irving, mit dem er eine persönliche Freundschaft pflege, sei ein 'ehrenwerter Mann' ('Der Tagesspiegel', 19. Februar 2005)." [5]

"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." [6]

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[1] FAZ vom 12.08.2006
[2] Kölner Stadt-Anzeiger vom 14.08.2006
[3] n-tv vom 13.08.2006
[4] NZZ-Online vom 14.08.2006
[5] Wikipedia, Rolf Hochhuth
[6] Martin Luther, Neues Testament, Johannes, Kapitel 8,7