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12. September 2006, von Michael Schöfer
Das antizipierte Plagiat

Jeder an Literatur interessierte Mensch hat wohl schon irgendwann einmal daran gedacht, ein Buch zu schreiben. Selbstverständlich ein grandioses, noch nie dagewesenes. Wäre es nicht toll, sich zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt zu sehen? So etwas schmeichelt dem Ego ungemein. Und mit seiner Schreibe nebenbei etwas Geld dazuverdienen, wäre auch nicht zu verachten. Endlich den Job hinschmeißen können und sich bloß noch dem Schreiben widmen. Von Einkommen à la Joanne K. Rowling, der Verfasserin von "Harry Potter", die den kometenhaften Aufstieg von einer Sozialhilfeempfängerin zur mittlerweile reichsten Frau Großbritanniens hinter sich hat (ihr heutiges Vermögen wird auf rund 830 Mio. Euro taxiert), wagt man ja nicht zu träumen. Von Pulitzer-Preisen oder dem Literaturnobelpreis ganz zu schweigen.

Vom handwerklichen Können, das nicht jedem in die Wiege gelegt wurde, abgesehen, ist die Idee zu einem Buch die halbe Miete. Der Plot, also die Handlung, muß stimmen. Doch woher die Idee nehmen? Okay, sagte ich mir, denk' mal nach. Gekommen bin ich dann auf folgenden Einfall: In Südafrika hat das Apartheid-Regime seinerzeit bekanntlich nach gentechnisch veränderten Viren gesucht, die Farbige unfruchtbar machen sollten. Ungelogen, obgleich vollkommen verabscheuungswürdig. Das wäre jedenfalls meine Ausgangsposition gewesen. Durch eine Mutation entsteht dabei unabsichtlich ein Virus, das nur Männer tötet - unabhängig von der Hautfarbe. Daraufhin sterben auf der Erde 99,9 Prozent aller Männer. Geschildert werden sollte die Geschichte eines Mannes, der gegen das Virus immun ist. Meine Absicht war, die Sehnsucht der Hauptperson von einer im Überfluß vorhandenen sexuellen Verfügbarkeit von Frauen ins Absurde zu übersteigern und somit in ihr genaues Gegenteil zu verkehren (eher Fluch statt Traum). Außerdem ging es mir um die Realität einer fiktiven Gesellschaft (fast) ohne Männer. Als Titel fand ich "Planet der Frauen", in Anlehnung an den Film "Planet der Affen" - die Feministinnen mögen mir verzeihen, äußerst passend.

Wie ich annahm, eine gute Idee - bis mir eine Freundin sagte, daß es ein solches Buch schon gibt. Und richtig, ein gewisser Robert Merle hat 1974 das Buch "Die geschützten Männer" veröffentlicht. Mein Buch! Inhalt: In den USA des 21. Jahrhunderts rafft ein Virus namens Enzephalitis 16 fast alle Männer dahin. So ein Mist! Ich schwöre Stein und Bein, sein Werk war mir zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt. Doch dieser Schwur nützt gar nichts, denn die ganze Welt würde mich ungeachtet dessen für einen schnöden Plagiator halten. Keiner würde mir glauben. Das Gericht, das über die absehbaren Schadensersatzprozesse befinden müßte, inbegriffen.

Im Jahr 2005 sind auf dem Buchmarkt allein in Deutschland 89.869 Titel erschienen. Könnte man jeden Tag ein Buch lesen, was selbst bei ausgesprochenen Bücherwürmern äußerst optimistisch ist, bräuchte man dafür sage und schreibe 246 Jahre. Und der Umfang der Neuerscheinungen ist im Jahr 2006 bestimmt nicht kleiner. Also weitere 246 Jahre. So alt wird keine Kuh im Odenwald. Ob alle 89.869 Titel unabhängig voneinander entstanden sind, lasse ich bewußt offen. Es ist auch kaum zu überprüfen. Mit anderen Worten: An jedem Autor gehen notwendigerweise die allermeisten Titel ungelesen vorbei. Kein Wunder, wenn Plagiatsprozesse in der Literaturszene an der Tagesordnung sind. Hat man mal eine Idee, hat irgendjemand mit Sicherheit bereits ein Buch veröffentlicht, das diese Idee beinhaltet. Frei nach Lennon/McCartney: "Du kannst nichts schreiben, was nicht schon geschrieben ist." (There's nothing you can make that can't be made, aus "All you need is love") In der Musikbranche ist es übrigens ähnlich.

Doch es gibt einen Ausweg: das antizipierte (vorweggenommene) Plagiat. Robert Merle, so behaupte ich einfach, hat mein Buch kopiert, bevor es überhaupt geschrieben wurde bzw. erschienen ist. Das widerspricht zwar jeder menschlichen Logik, heilt mich aber bestimmt davor, selbst als Plagiator dazustehen. Gewissermaßen bin ich ja, völlig unabhängig von Merle, von allein auf den Einfall gekommen. Jetzt muß ich bloß noch einen Verlag und naive Richter finden, die mir meine Geschichte abkaufen - und natürlich das Buch endlich schreiben. Denn auch mein Ego braucht Schmeicheleinheiten.