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21. September 2006, von Michael Schöfer
Josef Ackermanns Imagepflege


Seine als arrogant empfundene Geste beim Mannesmann-Prozeß war in Sachen Imagepflege ein absoluter Rohrkrepierer. Wahrscheinlich wird von ihm kein Bild häufiger gezeigt, als die von einem breiten Grinsen begleitete Präsentation des Victory-Zeichens. Und das zu allem Überfluß auch noch mitten im Gerichtssaal. Seitdem er überdies bei der Deutschen Bank die von vielen als vollkommen überzogen eingestufte Eigenkapitalrendite in Höhe von 25 Prozent mit der Entlassung von 6.400 Mitarbeitern erkaufte, gilt er hierzulande als Prototyp des skrupellosen Managers.

Josef Ackermann hat es schwer, sein Image ist im Keller. Tiefer geht’s nicht. Dagegen mußte natürlich etwas unternommen werden. Den Journalist Leo Müller unterstützte er deshalb bei der Abfassung dessen Buches ("Ackermanns Welt. Ein Tatsachenbericht", Rowohlt-Verlag) mit freimütigen Auskünften aus seinem Leben. Doch ob das Buch Ackermanns Ansehen verbessert, darf bezweifelt werden, es könnte vielmehr als Beleg für seine Abgehobenheit dienen. "Ich bin kein Mensch des Luxus", bekundet Ackermann treuherzig. Er wolle bodenständig bleiben, nicht abgehoben wirken, in seinem Portemonnaie stecke nur eine begrenzte Menge Bargeld, aber keine Platin-Kreditkarte, in der Garage stehe kein Ferrari und er gehöre nicht zum Jetset. [1]

Hinter der Bescheidenheit bekundenden Fassade lugt allerdings etwas anderes hervor: Ackermanns Jahreseinkommen betrug im vergangenen Jahr 11,9 Mio. Euro, die Höhe seines Privatvermögens beziffert er mit mehr als 100 Mio. Franken (rd. 63 Mio. Euro). Meist ist er in Privat-Jets unterwegs, besitzt ein Haus in Zürich, ein Ferienhaus im Tessin, eine Wohnung über dem Museum of Modern Art in New York und ein Appartement in London. Klar, wo soll er auch hin mit dem vielen Geld. Gemeinhin stellt man sich Bescheidenheit jedoch ganz anders vor. Sein Upper-class-Lebensstil steht in krassem Gegensatz zur Realität des Durchschnittsbürgers. Gerade weil Ackermann diesen Unterschied nicht mehr wahrzunehmen scheint, würde er sich sonst als "bodenständig" und "kein Mensch des Luxus" bezeichnen, dürfte der Versuch, mit dem Buch sein Image aufzupolieren, wohl eher nach hinten losgehen.

Ein weiterer Punkt kommt hinzu: sein Handeln. So hat sich der Siemens-Vorstand gerade eine satte Gehaltserhöhung von durchschnittlich 30 Prozent gegönnt, was etwa eine Million Euro mehr pro anno für jeden Topmanager ausmacht, während gleichzeitig im Konzern Tausende von Stellen zur Disposition stehen und von Teilen der Belegschaft Mehrarbeit bei Lohnverzicht abgefordert werden. "Beschlossen hat die Gehaltserhöhung das Präsidium des Aufsichtsrats. Es besteht aus dem Vorsitzenden Heinrich von Pierer, Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann und Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann." [2] Anderen Wasser predigen, aber selbst Wein saufen. Genau so stellt sich der Bürger arrogante und skrupellose Manager vor, über sein Negativimage braucht sich Ackermann demzufolge nicht zu wundern.

Von der zur Schau gestellten Bodenständigkeit Ackermanns ist in der Praxis also nichts zu spüren, die bereitwillige Mitarbeit am Buch Müllers dürfte mithin in der Rubrik "public relation" einzuordnen sein: Werbung für die eigene Person. Der Wahrheitsgehalt von Werbung ist freilich im allgemeinen als äußerst gering einzuschätzen, das erleben wir ja beispielsweise im Fernsehen tagtäglich aufs neue. Einer von Ackermanns Vorgängern als Vorstandssprecher der Deutschen Bank (von 1985-1989) war Alfred Herrhausen, der am 30.11.1989 einem Mordanschlag der RAF zum Opfer fiel. Von ihm stammt das nachfolgende Zitat: "Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein." [3] Welch ein Kontrast zu Josef Ackermann.

Die Deutsche Bank mag unter Ackermann ökonomisch erfolgreicher sein, als sie es unter Alfred Herrhausen je gewesen ist (schlecht ging es ihr auch damals nicht). Doch zumindest vom moralischen Anspruch her hat sie deutlich nachgelassen. Würde man Herrhausen nachträglich zum Heiligen hochstilisieren, läge man gewiß falsch. Fragwürdiges und Widersprüchliches gibt es in jeder Biographie. Gleichwohl konnte man bei Herrhausen wenigstens den Anspruch spüren, selbst als Vorstandssprecher der mächtigsten Bank Deutschlands nach moralischen Grundsätzen zu handeln. Diese für einen Spitzenmanager untypische Eigenschaft ist ein Vermächtnis, das lange nachhallt. Von Josef Ackermann bleibt vielleicht tatsächlich bloß sein breites Grinsen und die zum Victory-Zeichen erhobene Hand in Erinnerung. Und natürlich die mit Massenentlassungen erkaufte, übertrieben hohe Eigenkapitalrendite. Vermutlich wird daran auch das Buch von Leo Müller nichts ändern.

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[1] Rezension von Rolf Obertreis, Mannheimer Morgen vom 20.09.2006
[2] Frankfurter Rundschau vom 21.09.2006
[3] Alfred-Herrhausen-Gesellschaft