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28. September 2006, von Michael Schöfer
Gefahr für die WM in Südafrika?


2010 soll in Südafrika die 19. Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden, erstmals würde damit ein afrikanisches Land Ausrichter dieses sportlichen Großereignisses sein. Doch für Südafrika wird die Fußball-WM nicht nur eine organisatorische Herausforderung, sie birgt darüber hinaus vor allem für die Fußballfans jede Menge Risiken. Südafrika hat weltweit eine der höchsten Verbrechensraten, allein im Jahr 2005 wurden dort mehr als 55.000 Vergewaltigungen und ca. 18.000 Morde gemeldet. [1] Zum Vergleich: Im selben Jahr gab es in Deutschland, das 35 Mio. Einwohner mehr hat, 8.133 Vergewaltigungen und 2.396 Mord- und Totschlagsfälle. [2]

Ein anderes, nicht weniger bedeutsames Problem ist Aids. Im Jahr 2004 waren offiziellen Schätzungen zufolge etwa 21,5 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren HIV-infiziert, das sind rund 5,2 Mio. Menschen. Aids wird am Kap der guten Hoffnung sträflich unterschätzt. Das kommt nicht von ungefähr. So hält Staatspräsident Thabo Mbeki die Krankheit eher für "ein Produkt anti-afrikanischer Propaganda als eine medizinische Realität". [3] Sein ehemaliger Vizepräsident und möglicher Nachfolger, Jacob Zuma, ist, wie er kürzlich eingestand, der eigenartigen Auffassung, sich nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einer warmen Dusche vor einer HIV-Ansteckung schützen zu können. [4] Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopfe her.

Doch nun ist vielleicht ein wesentlich brisanteres Risiko aufgetaucht: resistente Tuberkelbazillen. In einem Ort in Südafrika sind innerhalb der letzten 18 Monate mehr als 60 Fälle aufgetreten, bei denen die TBC-Bazillen auf kein Antibiotika-Medikament mehr ansprachen. Die Mortalitätsrate bei den betroffenen Patienten: 98 Prozent. Die meisten von ihnen starben innerhalb von zwei Wochen nach ihrer Aufnahme ins Krankenhaus. Landesweit sind schon mehr als 100 Fälle von "extremer Medikamentenresistenz" bei TBC (früher Schwindsucht) bekannt, es könnte sich somit um den Beginn einer regelrechten Epidemie handeln. [5]

TBC wird durch Tröpfcheninfektion weitergegeben, also durch über die Atemluft aufgenommene Sekrettröpfchen. Die Erreger werden dabei von den Infizierten meist durch Husten oder Niesen an die Luft abgegeben und durch direktes Einatmen auf andere Menschen übertragen. Die maximale Distanz für eine Tröpfcheninfektion beträgt etwa 1 bis 3 Meter. [6] Man kann sich leicht ausmalen, was das für die übrige Welt bedeutet, wenn dort im Jahr 2010 die Fußball-WM stattfindet. Bei der WM in Deutschland (2006) sahen sich 3,3 Mio. Zuschauer in den Stadien insgesamt 64 Länderspiele an, im Vorfeld der WM rechnete man mit ungefähr 1 Mio. Gäste aus dem Ausland.

Entsprechend hoch ist das Infektionsrisiko. Etliche Fußballfans könnten 2010 aus Südafrika ungewollt ein im wahrsten Sinne des Wortes tödliches Souvenir mit nach Hause nehmen. Sollte es dort tatsächlich zu einer größeren Epidemie kommen und bis dahin keine Medikamente zur Verfügung stehen, mit denen man die resistenten TBC-Stämme wirksam bekämpfen kann, steht eventuell die ganze Fußball-WM zur Disposition. Natürlich wäre das ein schwerer Image-Schaden und ein noch verheerenderer ökonomischer Verlust. It's just a game - das gilt für den Profifußball schon längst nicht mehr. Die Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche hat schließlich auch den Sport erfaßt. Dennoch sollte man im Fall einer krisenhaften Entwicklung die wirtschaftlichen Interessen hintanstellen. Schließlich gilt es, eine Pandemie (den länderübergreifenden oder sogar weltweiten Ausbruch einer Krankheit, der nicht örtlich begrenzt ist) zu verhindern. Und eine solche würde unzweifelhaft noch viel gravierendere Schäden anrichten. Nicht bloß ökonomische.

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[1] Wikipedia, Südafrika (Staat)
[2] Bundesministerium des Innern, Polizeiliche Kriminalstatistik 2005, PDF-Datei mit 528 kb
[3] Frankfurter Rundschau vom 28.09.2006
[4] Frankfurter Rundschau vom 22.09.2006
[5] Frankfurter Rundschau vom 28.09.2006
[6] Wikipedia, Tröpfcheninfektion