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04. Oktober 2006, von Michael Schöfer
Leukämiefälle in der Elbmarsch - wird etwas vertuscht?


In der Elbmarsch (Landkreis Harburg) ist erneut ein Leukämiefall aufgetreten. Am 12.09.1986, gut sechs Monate nach dem bislang schwersten Atomunfall der Geschichte (Tschernobyl), wird beim Atomkraftwerk Krümmel und beim Kernforschungszentrum Geesthacht (GKSS) erhöhte Radioaktivität gemessen. Bis heute ist nicht geklärt, woher die Radioaktivität kam. Fakt ist: Vier Jahre danach treten in der Elbmarsch die ersten Leukämiefälle auf. "Bis heute erkranken 16 Kinder und Jugendliche an Blutkrebs, vier von ihnen sterben". [1] Und nun ist ein weiteres Kind, ein zwölfjähriges Mädchen aus Geesthacht, erkrankt. [2] Experten sprechen von einem regelrechten Leukämiecluster mit der höchsten Erkrankungsrate auf der ganzen Welt. Dem Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) zufolge, ist "in dem Gebiet statistisch etwa alle 58 Jahre ein Kinder-Leukämiefall zu erwarten, anstelle der realen Quote von durchschnittlich etwa einem Fall pro Jahr." [3]

Untersuchungskommissionen konnten sich nicht einigen und endeten im Streit, u.a. wurde den Behörden vorgeworfen, die Untersuchungen zu behindern. Wäre es im Kernforschungszentrum tatsächlich zu einem Unfall gekommen, hätte dies vielleicht - so kurz nach Tschernobyl - das endgültige Aus für die Nutzung der Atomkraft in Deutschland bedeutet. Ein Motiv für Vertuschungsversuche lag also vor. Das Kernforschungszentrum streitet indes bis zum heutigen Tag jeden Unfall ab. Mehrere Zeugen berichten freilich von einem Feuer in der Anlage des Kernforschungszentrums, Satellitenfotos vor und nach dem 12. September sollen eine deutliche Veränderung auf dem GKSS-Gelände zeigen. Einsatzprotokolle vom fraglichen Zeitraum gibt es jedoch nicht mehr. Außerdem fand man im Umkreis der Atomanlagen metallische Kügelchen, in denen radioaktive Stoffe wie Plutonium, Americium und Curium nachgewiesen wurden. Die Kügelchen sind künstlich, also nichtnatürlichen Ursprungs und radioaktiv verseucht, sie stammen auf keinen Fall aus Tschernobyl, heißt es im Untersuchungsbericht der Sacharow-Universität von Minsk. Doch selbst über die Kügelchen gibt es Auseinandersetzungen, manche streiten sogar deren Existenz ab.

Natürlich sind weitere Untersuchungen dringend notwendig. Gleichwohl es ist wahrscheinlich, daß man sich abermals nicht einigen wird, denn nach wie vor hat die Atomindustrie großen politischen Einfluß. Es wäre naiv zu glauben, sie würde diesen Einfluß nicht nutzen. Von daher darf auch in Zukunft an einer objektiven Ursachenfeststellung gezweifelt werden. Ohne Frage ist dies in hohem Maße skandalös und untergräbt das Vertrauen in den Staat. Gerade in puncto Atomkraft ist das keine neue Erkenntnis. Aus alledem gibt es nur eine Konsequenz, und zwar möglichst bald die Nutzung der Atomkraft zu beenden. Die Zukunft der Industriegesellschaft liegt ohnehin in einer Solar-/Wasserstoff-Wirtschaft. Und letztere ist, was die Folgen von Störfällen angeht, wesentlich ungefährlicher.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 12.09.2006
[2] Die-Welt.de vom 04.10.2006
[3] Wikipedia, Leukämiecluster Elbmarsch