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07. Oktober 2006, von Michael Schöfer
Jackpot-Fieber


Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 28. März 2006 (1 BvR 1054/01) festgestellt, daß das staatliche Wettmonopol nur dann gerechtfertigt ist, wenn es der Gesetzgeber "konsequent am Ziel der Bekämpfung von Wettsucht und der Begrenzung der Wettleidenschaft" ausrichtet. Die Verfassungsrichter gaben ihm deshalb vor, "den Bereich der Sportwetten bis zum 31. Dezember 2007 neu zu regeln". [1] Selbstverständlich haben die staatlichen Lottogesellschaften das Urteil umgehend begrüßt, bietet es doch die einmalige Chance, sich der privaten Konkurrenz zu entledigen und das lukrative Wettgeschäft künftig allein in Händen zu halten. Gleichzeitig beteuerten sie: "Wir haben den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts, unser Angebot an der Spielsuchtbekämpfung auszurichten sofort und umfassend erfüllt." [2]

In krassem Gegensatz dazu steht die marktschreierische Werbung für den Rekord-Jackpot. "LOTTO-Jackpot steigt auf rund 35 Mio. Euro", brüllt uns die Lotto-Gesellschaft entgegen.


Und die Bundesbürger stehen in den Lotto-Annahmestellen Schlange. "Am Mittwoch, gemeinhin ein flauer Lottotag mit einem Durchschnittsumsatz von 28 Millionen Euro, setzten die Deutschen 77,3 Millionen auf den Jackpot, der da noch auf der kurzfristigen Rekordmarke 29 stand. Die hat sich jetzt gesteigert auf die bisher unerreichte Höhe von 35 Millionen Euro."

Die Menschen träumen vom schnellen Reichtum, der ohne Mühsal zu bekommen ist. Das ist legitim und verständlich. Sechs Kreuzchen reichen völlig aus. Dabei sind die Chancen, den Jackpot abzuräumen vergleichsweise gering. "Die Chance, mit einem ausgefüllten Kästchen sechs Richtige zu treffen, liegt im deutschen Zahlenlotto (...) bei eins zu 14 Millionen. (...) Anders beim Jackpot, also bei sechs Richtigen mit Superzahl: Dafür liegt die Wahrscheinlichkeit nur bei eins zu 140 Millionen. Aber: Es gibt jedes Jahr 100 Lotto-Millionäre, sagt die Lottogesellschaft." [3] Doch bei 35 Mio. haben Verstand und Mathematik keine Chance.

Was könnte man mit 35 Millionen nicht alles anfangen? Bei einer - mit Vorsicht niedrig veranschlagten - Verzinsung von vier Prozent sackt man jährlich weitere 1,4 Mio. Euro an Zinsen ein. Die sind natürlich, im Gegensatz zur Gewinnsumme selbst, zu versteuern. Ab 2007 steigt der Spitzensteuersatz auf 45 Prozent. Zieht man die Steuerschuld ab, bleiben netto stolze 770.000 Euro als Jahreseinkommen. Das sind im Monat 64.166 Euro - wesentlich mehr, als viele im ganzen Jahr verdienen. Träume können wahr werden: Nie wieder arbeiten, ein Haus, ein Auto, Urlaubsreisen in ferne Länder, im Süden überwintern... Es wäre heuchlerisch, sich dieser Faszination zu entziehen und von oben auf den schnöden Materialismus, der sich in solchen Phantasien offenbart, herabzublicken. Gewiß, Geld ist nicht alles, aber es wirkt äußerst beruhigend. Zumindest auf den, der es hat.

Wird man durch Reichtum glücklich? Unter Umständen, denn auch Reiche haben erstaunlicherweise Sorgen. Sicherlich andere als "Otto Normalverbraucher". Hartz IV verliert für Lotto-Millionäre seine Schrecken. Immer unter der Voraussetzung, man bleibt auf dem Boden und flippt nicht völlig aus. Dafür hat "Otto Normalverbraucher" plötzlich ganz andere Sorgen. In seinem zynischen Song "Like a Rolling Stone" kam Bob Dylan zu der weisen Erkenntnis: "When you got nothing, you got nothing to lose." Da ist etwas dran. Im Umkehrschluß bedeutet das jedoch: Wenn Du viel hast, hast Du viel zu verlieren. Und demzufolge entsprechend Angst davor. Gleichwohl erscheint vielen dieses "Risiko" als durchaus tragbar, weshalb sie heute unter keinen Umständen den Lotto-Annahmeschluß verpassen wollen.

Was die vom Bundesverfassungsgericht gerügte Spielsucht angeht, ist Lotto vermutlich eine zu vernachlässigende Gefahr. Selbst wenn ein Rekord-Jackpot ausgespielt wird. "80 Prozent der Klienten in Suchtberatungsstellen sind Spieler an Geldspielautomaten", sagt Gerhard Meyer, Professor für Psychologie und Glücksspielforscher. [4] Insofern können wir wohl getrost unseren Lottoschein abgeben und eine Zeitlang vom Wohlstand träumen - wenigstens bis 19:58 Uhr. Dann sind nämlich die Gewinnzahlen gezogen und etliche Träume wie Seifenblasen zerplatzt. Aus diesem Grund: Vorsichtig sein und im Büro den Aufhebungsvertrag erst dann unterzeichnen, wenn das Geld auf dem Konto ist. Mancher hat schon vorzeitig, im vermeintlich sicheren Gefühl finanzieller Unabhängigkeit, seinem Chef ordentlich die Meinung gegeigt - bloß um später betrübt festzustellen, daß er vergessen hat, den Lottoschein abzugeben.

Hey, wer auch immer heute die 35 Millionen absahnt, denken Sie bitte daran, daß man mit Geld auch Gutes tun kann. Die Welt ist ungerecht, und dagegen muß etwas unternommen werden. Soll ich Ihnen schon mal meine Kontodaten übermitteln?


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[1] Bundesverfassungsgericht, Pressemitteilung Nr. 25/2006
[2] Lotto.de vom 03.07.2006
[3] Frankfurter Rundschau vom 07.10.2006
[4] Frankfurter Rundschau vom 07.10.2006