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26. September 2006, von Michael Schöfer
Die Schere im Kopf


Gewalttätige Proteste nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen. Gewalttätige Proteste nach einer mißverstandenen Papst-Rede. Und nun wird an der Deutschen Oper in Berlin auch noch die Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" abgesetzt, weil man "islamistische Anfeindungen" befürchtet. [1] Die Ausschreitungen islamischer Fundamentalisten zeigen Wirkung: Viele üben aus Angst Selbstzensur und haben deshalb die Schere im Kopf. Man traut sich nicht mehr, das zu sagen, was man denkt. Es könnte sich schließlich irgend jemand beleidigt fühlen. Und neuerdings sind Muslime verdammt schnell beleidigt. Aber das kann doch keine Lösung sein. Die Meinungsfreiheit ist in einer Demokratie unverzichtbar. Nicht ohne Grund steht im Grundgesetz (Artikel 5): "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern. (...)  Eine Zensur findet nicht statt." Sollen wir in Zukunft darauf verzichten, bloß weil sich in Teheran ein Mullah daran stören könnte? Gelten hierzulande unsere oder deren Maßstäbe? Wo hört das am Ende auf? Auch hier gilt: Wehret den Anfängen. Keiner hat das Recht, mir vorzuschreiben, was ich zu sagen oder zu denken habe. Und daran werden Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, nichts ändern.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 26.09.2006