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05. November 2006, von Michael Schöfer
John Kerrys vermeintlicher Tritt in den Fettnapf


Senator John Kerry, dem früheren Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, wird von seinen Parteifreunden vorgeworfen, sich verplappert und damit den Republikanern bei den bevorstehenden Kongreßwahlen ungewollt Schützenhilfe geleistet zu haben. Kerry sagte vor Studenten auf einer Wahlkampfveranstaltung in Kalifornien: "Wer hart studiert, seine Hausaufgaben macht und versucht, clever zu sein, kann es zu etwas bringen. Wenn nicht, dann endet man im Irak." Für US-Präsident George W. Bush, der innenpolitisch durch seine verfehlte Irak-Politik mit dem Rücken zur Wand steht, war das natürlich ein gefundenes Fressen: "Die Unterstellung des Senators, daß unsere Soldaten irgendwie ungebildet seien, ist beleidigend und eine Schande. Und der Senator aus Massachusetts muß sich bei ihnen entschuldigen." Was Kerry dann auch umgehend tat: "Ich entschuldige mich persönlich bei jedem Mitglied der Streitkräfte, ihren Familienangehörigen und Amerikanern, die sich beleidigt gefühlt haben."

Doch warum muß sich Kerry eigentlich entschuldigen? Darf man die Wahrheit nicht mehr sagen? Die US-Armee hat eingestandenermaßen erhebliche Nachwuchsprobleme. Im vorigen Jahr verfehlte sie deutlich ihr Rekrutierungsziel, statt der erforderlichen 80.000 GIs, meldeten sich nicht einmal 73.000 zum Dienst. Das Pentagon hat aus diesem Grund die Zahl der Werber um 20 Prozent erhöht und schickt sie auf die Straße, in die Schulen, in Einkaufszentren, Ghettos (!) und die Hochburgen der Arbeitslosigkeit (!)". [1] Zudem wurden die Anforderungen an künftige Soldaten gesenkt. "Inzwischen haben auch Bewerber mit schlechten Zeugnissen gute Chancen, selbst Schulabbrecher werden inzwischen gerne aufgenommen." [2]

Was das konkret bedeutet, kann man sich an fünf Fingern abzählen. Die Zusammensetzung der US-Army ist ohnehin nicht repräsentativ für die Bevölkerung: "Schwarze GIs stellen 23 Prozent der Soldaten des Heeres." [3] Afroamerikaner haben in der Bevölkerung aber nur einen Anteil von 13 Prozent. Carolin Fetscher schrieb unlängst über die Zusammensetzung der US-Streitkräfte: "Sie ist eine Berufsarmee, zu der sich Freiwillige melden, die grob gesagt aus drei Gruppen rekrutiert werden: aus der weißen, arbeitslosen und ungebildeten Unterschicht ("White Trash" ist der Slangausdruck dafür); aus ehrgeizigen Nichtweißen, zumeist Hispano- und Afroamerikaner, die in der Armee die Chance zum Aufstieg suchen; und einer teils akademischen Führungselite, die zum Beispiel an der berühmten Militärakademie Westpoint ausgebildet wird." [4]

Knapp ein Viertel der Bevölkerung der USA sind funktionale Analphabeten, "d.h. sie können nicht genug lesen, um ein Formular auszufüllen, die Beschreibungen auf Lebensmitteln zu lesen oder einem Kind eine einfache Geschichte vorzulesen." [5] US-Soldaten verfügen daher teilweise über so geringe Schriftsprachkenntnisse, daß sie nicht in der Lage sind, militärische Anweisungen zu lesen. Nicht zuletzt deshalb geben die Streitkräfte mittlerweile Feldhandbücher in Comic-Form heraus, damit sie von einfachen Soldaten verstanden werden. Und bekanntlich wird in den USA schon seit längerem darauf hingewiesen, daß die Unterschicht für die Interessen der reichen Oberschicht auf den Schlachtfeldern einen hohen Blutzoll entrichtet.

Zusammenfassend kann man also bloß feststellen: Kerry hat die Wahrheit gesagt, für eine Entschuldigung gibt es demzufolge nicht den geringsten Anlaß.

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[1] tagesschau.de vom 05.03.2005
[2] focus.msn.de vom 25.01.2006
[3] Freitag vom 25.03.2005
[4] Der Tagesspiegel vom 03.06.2006
[5] Wikipedia, Alphabetisierung (Lesefähigkeit)