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06. Januar 2008, von Michael Schöfer
Dünkel

Menschen scheinen das drängende Bedürfnis zu besitzen, sich von anderen positiv abzugrenzen, d.h. sich als etwas Besseres zu fühlen. Die Bedeutung der eigenen Person bzw. Gruppe wird dabei grundlos überhöht, die Bedeutung anderer Individuen respektive Gruppen systematisch herabgesetzt. Wenn etwa, wie mir kürzlich berichtet wurde, in einem Öffentlichen-Dienst-Betrieb ein Beamter zu einer Angestellten sagt, sie sei für ihn keine "Kollegin" (das seien nur Beamte), dann offenbart dies eine haarsträubende Selbstüberschätzung. Nicht der Mensch steht nach Aussage dieses Beamten im Mittelpunkt, sondern lediglich sein Beruf. Dass Letzterer über die Person als solche überhaupt nichts aussagt, ist nebensächlich. Ob intelligent oder nicht, ob anständig oder nicht, ob gewissenhaft oder nicht - völlig irrelevant, Hauptsache Beamter. Der Dünkel gebietet die simple Einteilung in Mitarbeiter erster und Mitarbeiter zweiter Klasse. Wenn man nichts anderes vorzuweisen hat, hält man sich eben an Nichtigkeiten fest. Arroganz paart sich bekanntlich gerne mit Dummheit. Und so wiederum sagt sein Verhalten recht viel über den Beamten selbst aus.

Hochmütige greifen gerne auf Klischees und Vorurteile zurück: Schwarze sind dumm, Frauen naiv, Arbeitslose faul und Polen klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Vorurteile sind einfach gestrickt und man muss gar nicht mehr über sie nachdenken. Dass uns etwa die Staatsangehörigkeit ohne eigenes Zutun allein durch die Geburt verliehen wird, sie mithin über den Charakter einer Person keine Auskunft gibt, hat in diesem Weltbild keinerlei Bedeutung. Wir werden mit einer bestimmten Hautfarbe in die Welt geworfen, das ist unabänderlich. Aber warum dominiert sie in den Augen vieler alle anderen Aspekte des Menschseins? (Kann ein Farbiger wirklich Präsident der Vereinigten Staaten werden?) Lange Zeit galten Angehörige des Adels als bessere Menschen, Adlige waren von vornherein privilegiert. Kein Wunder, dass viele ihre Völker ins Unglück stürzten, weil sie außer dem Vorzug, zufällig in eine bestimmte Familie hineingeboren worden zu sein, keine weiteren Vorzüge besaßen. Nun, das ist zum Glück überwunden. Heute hat der Adel nur noch eine folkloristische Bedeutung.

Der demokratische Bürger von heute überhöht seine Person mit dicken Auspuffrohren und Markenbewusstsein. Wenn man schon keine eigene Persönlichkeit besitzt, färbt vielleicht etwas vom Image einer bestimmten Automarke auf den stolzen Besitzer des Fahrzeugs ab. Auch Berufe sind außerordentlich wichtig. So haben zum Beispiel Ärzte (Götter in Weiß) einen hohen gesellschaftlichen Status, Müllwerkern sind sie diesbezüglich um Lichtjahre voraus. Doch nehmen wir einmal an, es gäbe nur noch Ärzte, wer entsorgt dann deren Abfall? Mediziner sind zweifellos wichtig, aber Müllwerker sind es auch. Ohne Ärzte erginge es einer Gesellschaft schlecht, aber ohne Müllwerker ebenso. Zum Funktionieren des Ganzen sind beide notwendig, deshalb gibt es eigentlich keinen Grund, den einen über den anderen zu stellen. Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: "Cäsar eroberte Gallien. Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?"

Über den Dünkel kann man sich im Grunde nur amüsieren. Diejenigen, die ihn praktizieren, geben sich genau betrachtet der Lächerlichkeit preis. Sie merken es bloß nicht, andere dafür umso mehr. Hochgestellte Persönlichkeiten mutieren hinter vorgehaltener Hand zu einem armen Würstchen, denen man zur Befriedigung ihres Egos nichtssagende Urkunden überreicht. Aber: "Es kommt letzten Endes nicht so sehr darauf an, was einer erreicht und wo er steht, sondern was einer tut und warum er es tut." (Daniel Goeudevert) Die größten Persönlichkeiten waren manchmal zugleich die bescheidensten, die auf Pomp und Protz wenig Wert legten. Zuweilen möchte man an der Verbreitung des Dünkels in unserer Gesellschaft verzweifeln. Andererseits werden Personen wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi weithin als geachtete Vorbilder angesehen. Viele haben offenbar doch ein Gespür dafür, was wirklich wichtig ist in dieser Welt. Das lässt zumindest hoffen.