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08. Januar 2008, von Michael Schöfer
Schreiben oder nicht schreiben, das ist hier die Frage


Die Chancen, beim Lotto den Jackpot abzuräumen, sind bekanntlich minimal. Genau besehen 1 zu 140 Millionen. Und dennoch fordern viele Menschen Woche um Woche ihr Glück heraus. Vor allem, wenn der Jackpot mal wieder prall gefüllt ist (obgleich die Chancen dann auch nicht besser stehen). Manchmal schlägt das Lotto-Glück sogar zu: Im Oktober letzten Jahres gewann ein 41-jähriger Krankenpfleger 37,7 Mio. Euro. Ob er damit wirklich zufrieden geworden ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Wir wissen es nicht, aber man darf es vermuten. Immerhin hat der Mann definitiv keine finanziellen Sorgen mehr.

Auch das Internet ist voller Chancen, das suggerieren Geschichten von Start-ups, die sich in relativ kurzer Zeit zu Weltkonzernen mausern. Google ist hierfür wohl das Paradebeispiel: 1999 von Larry Page und Sergey Brin gegründet, ist das Unternehmen heute der unbestrittene Marktführer bei den Suchmaschinen und setzt Milliarden um. Ein Traum wurde wahr - zumindest für Page und Brin.

Weblogs (öffentlich einsehbare Tagebücher oder Journale) sind ebenfalls ein Teil dieses Internet-Traums, aber bedauerlicherweise in den allermeisten Fällen einer ohne Happy End. Immer wieder wird kolportiert, Blogger könnten von ihrer eigenen Schreibe leben, andere wiederum wären durchs Bloggen entdeckt worden und hätten bei einer Zeitung oder im Fernsehen Karriere gemacht. Manchmal (in der Häufigkeit entsprechend dem Abräumen des Lotto-Jackpots) scheinen diese Träume tatsächlich wahr zu werden, etwa der Wechsel Katrin Bauerfeinds von Ehrensenf zur ARD. Aber seien wir ehrlich: Die Chancen, durchs Bloggen reich oder berühmt zu werden, sind in Wahrheit nicht viel größer als bei der Lottofee.

Laut Technorati, einer Suchmaschine speziell für Weblogs, waren im April vorigen Jahres im World Wide Web weltweit 70 Mio. derartiger Websites abrufbar. Täglich kommen 120.000 neue hinzu - das sind 43,8 Mio. pro Jahr. [1] Alles in allem werden sämtliche Weblogs jeden Tag im Durchschnitt mit 1,5 Mio. Einträgen (postings) gefüttert. Wow!

Da fragt man sich in der Tat: Wer soll das alles lesen? "Die meisten stehen umsonst auf ihrem kleinen Podest im Web. Viele haben schon Glück, wenn sie auch nur einen Leser finden", schreibt Gerald Himmelein im Editorial der renommierten Computerzeitschrift c't. [2] "Die meisten Blogger schreiben sich die Seele aus dem Leib und legen ihr Innerstes offen, ohne dass es jemanden interessiert. Das ist nicht unbedingt unfair. Unfair ist es, diesen Leuten vorzuspiegeln, Weblogs seien ihre große Chance für Zuwendung, Öffentlichkeit und sogar Wohlstand", kritisiert Himmelein.

Doch geht es wirklich ausschließlich um Geld oder Ruhm? Dann würden Weblogs bestimmt schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Nein, es geht um mehr, zum Beispiel um die pure Lust am Schreiben. In meinem Gedächtnis blieb der Bericht über eine Schriftstellerin haften, die erst mit ihrem dreizehnten Roman bekannt wurde (obgleich Sie mich jetzt nicht nach dem Namen fragen dürfen - das Ganze ist schon eine Weile her). Ihre ersten zwölf Romane hat sie demzufolge geschrieben, ohne den kleinsten Erfolg zu haben. Das beeindruckte mich. So etwas hält man nämlich nur durch, wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist, anders ist diese Leistung, dieses Durchhaltevermögen gar nicht denkbar. Bloß an Geld Interessierte hätten mangels Motivation längst aufgegeben. Unter Umständen speist sich die Motivation auch daraus, ob realistisch oder nicht, in diesem Leben Spuren zu hinterlassen (ohne sich dabei ausschließlich auf die biologische Reproduktion zu beschränken). Vielleicht ist der Antrieb ein überdurchschnittliches Mitteilungsbedürfnis. Alles in keinster Weise pathologisch.

Zweifellos träumen einige von Ruhm, Geld oder Karriere. Ist eigentlich der Posten des Chefredakteurs beim Spiegel noch vakant? Schädlich sind solche Träume kaum. Offenkundig unrealistisch, aber keineswegs zu verurteilen. Schreiben ist nicht die schlimmste Form der Zeitverschwendung, besser als Fernsehkonsum ist es allemal. Es verhält sich wie bei allem: Einige springen nach Wochen oder Monaten enttäuscht ab, andere bleiben bei der Stange. Einfach weil es Spaß macht. Und weil man beim Schreiben enorm viel lernt, schließlich muss man sich vorher mit dem Stoff beschäftigen und Fakten recherchieren. Von meiner Website profitiere also vor allem ich selbst. Wenn ich darüber hinaus Leser finden sollte, ist das begrüßenswert. Wenn nicht, ist es für mich trotzdem in Ordnung. Überspitzt ausgedrückt: Weblogs sind nichts anderes als elektronische Selbsterfahrungsgruppen.

Abfrage-Statistik meiner Website für die letzten 12 Monate

Der politische Aspekt ist ebensowenig zu unterschätzen. Das merken wir insbesondere dann, wenn uns Berichte aus Ländern erreichen, in denen Blogger hohe Haftstrafen riskieren, sobald sie sich auf diesem Weg am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Vor kurzem wurde etwa der 34-jährige chinesische Menschenrechtler Hu Jia wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" verhaftet. Sein Vergehen: Er "schrieb in seinem Internetblog über das Schicksal von HIV-Infizierten, kritisierte die Korruption und das Versagen der kommunistischen Parteikader. Über eine Webcam und eine Internetschaltung nahm der Aktivist sogar an einer Anhörung des Europaparlaments teil und beklagte eine 'Menschenrechtskatastrophe'." [3]

Oder erinnern wir uns an Abdel Karim Suleiman, einen Ägypter, den die Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung ebenfalls ins Gefängnis brachte. [4] Wären Weblogs vollkommen irrelevant, würde die Staatsmacht nicht so harsch auf sie reagieren. Weblogs stören (hauptsächlich die Despoten), und das sollen sie auch.

Redefreiheit ist nach wie vor ein äußerst fragiles Gut auf diesem Planeten. Gerade deshalb sind Weblogs so wertvoll, ermöglichen sie doch jedem die ungefilterte Meinungsäußerung. Früher konnte man allenfalls Leserbriefe schreiben, die aber in autoritären Staaten mit zensierter Presselandschaft nie erschienen sind. Auch hierzulande war man immer zumindest der Gnade des Leserbrief-Redakteurs ausgeliefert. Heute kann - wenigstens bei uns - jeder seine Meinung ohne Einschränkung kundtun (das Vorhandensein von Internet-Zensur in China und andernorts wird von mir keineswegs ignoriert). In meinen Augen ist das urdemokratisch und ein riesiger Fortschritt.

Mit anderen Worten: Weblogs bedeuten "ungehemmte Presse- und Meinungsfreiheit" - Rosa Luxemburg wäre gewiss begeistert. Wir werden zwar mit ihnen die Welt nicht vor jeder Katastrophe retten, aber vielleicht durch Bewusstseinsbildung ein bisschen besser machen. Es gab mal eine Zeit, da konnten nur wenige lesen und schreiben. Die, die schreiben konnten, durften nicht alles publizieren. Und die, die lesen konnten, bekamen nicht alles zu Gesicht. Im Vergleich dazu sind mir Millionen unbeachtete Weblogs wesentlich lieber. Einige werden beachtet, und darauf kommt es an. Die Qualität von Weblogs mag zugegebenermaßen häufig nicht gerade berauschend sein, aber das trifft auf viele herkömmliche Medien (Boulevard-Presse, Yellow-Press etc.) genauso zu. Darüber hinaus ist bei etlichen Weblogs Qualität durchaus kein Fremdwort.

Ich werde jedenfalls noch länger schreiben - auch wenn ich damit nie Geld verdienen oder einen gut bezahlten Job ergattern sollte (einen schlecht bezahlten habe ich bereits). Es ist mir quasi ein Grundbedürfnis, fast so wie essen und atmen. Befriedigender als Sex? Das nicht, aber länger anhaltend. Insofern stellt sich mir die Frage "Schreiben oder nicht schreiben?" gar nicht.

PS: Für diesen Text habe ich einen ganzen Abend geopfert. War er das wert?

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[1] Sifry's Alerts vom 05.04.2007
[2] c't 2/2008 vom 07.01.2008, Völker, hört meine Signale
[3] Frankfurter Rundschau vom 31.12.2007
[4] siehe Ägyptischer Blogger verurteilt vom 01.03.2007