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11. Januar 2008, von Michael Schöfer
Zurück zur Zukunft?


Die SPD Hamburg feiert Altbundeskanzler Gerhard Schröder. "Als sein Konterfei auf der Großleinwand erscheint, geht ein Brausen durch den Saal. Mehr als 2000 sind gekommen, die meisten seinetwegen. Sie johlen und jubeln. Und sein riesiges Leinwand-Gesicht: Es lächelt zufrieden. Noch etwas schiefer ist es geworden, noch tiefer haben sich Falten und Furchen eingegraben. Es erinnert an Moby Dick, den weißen Wal, krumm, runzelig, gewaltig", schreibt die Frankfurter Rundschau. [1] Schröders Parteifreund Michael Naumann ist Spitzenkandidat für das Amt des Ersten Bürgermeisters, am 24. Februar 2008 wird gewählt. Da ist jede Unterstützung willkommen.

Gerhard Schröder wegen seines angeblich gelungenen Auftritts in Hamburg als "Moby Dick der SPD" zu titulieren, führt jedoch in die Irre. Angesichts seiner desaströsen Politik, insbesondere im Sozialbereich (Hartz IV), würde ich ihn nämlich eher als "Käpt'n Ahab" bezeichnen, der sein Schiff (die SPD) in den Untergang geführt hat. Oder sagen wir fast in den Untergang. Immerhin wurde Schröders Politik weder vom Wähler noch von den SPD-Mitgliedern goutiert, die daraufhin in Scharen das Weite suchten. Ein "Zurück zur Zukunft" kann für die SPD daher nur Nachteile bringen, mit dem Show-Auftritt eines abgehalfterten Politikers ist es schließlich nicht getan.

Wie sehr der ehemalige "Medien-Kanzler" Schiffbruch erlitten hat, zeigen die vielen Landtagswahlen, die die SPD während seiner Amtszeit in den Sand setzte. Von insgesamt 26 Landtagswahlen gewann die SPD bloß bei acht Wahlen Prozentpunkte hinzu, bei 18 erlitt sie zum Teil herbe Verluste. Zwischen dem 02.02.2003 und dem 22.05.2005 haben die Sozialdemokraten elfmal in Folge Stimmenanteile verloren. [2] Als Rot-Grün im Bund die Macht übernahm, hatten beide Parteien auch im Bundesrat die Mehrheit. Als Gerhard Schröder abtrat, besaß die Union eine erdrückende Mehrheit. Alles schon vergessen?

Nostalgie mag ja schön sein, aber sie ist zuweilen ein Synonym für Realitätsverlust. Im Rückblick verklärt man vieles, doch genau besehen lässt man die Rückbesinnung besser bleiben. "Zurück zur Zukunft" scheint überhaupt das Motto des Wahljahres 2008 zu werden. Roland Koch inszeniert, wie anno 1999, einen ausländerfeindlichen Landtagswahlkampf (Stichwort Jugendkriminalität), muss sich aber vorwerfen lassen, die Situation durch Stellenstreichungen bei Justiz und Polizei selbst herbeigeführt zu haben. Und die CSU gräbt wieder die alte Wahlparole "Freiheit statt Sozialismus" aus, mit der die Union schon die Bundestagswahl 1976 verloren hat. Besser kann man seine Konzeptlosigkeit wohl kaum demonstrieren. Hey, ihr da, hinter dem Weißwurstäquator: Der Sozialismus (oder das, was man als solchen bezeichnete) ist bereits 1989 zusammengebrochen. Schon gemerkt?

Wie die Wählerinnen und Wähler auf die Nostalgiewelle reagieren, ist vorerst offen. Wenn sie darauf hereinfallen, bitteschön: Jedes Volk bekommt bekanntlich die Regierung, die es verdient.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 10.01.2008
[2] election.de, Landtagswahlen der Ära Schröder