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19. Januar 2008, von Michael Schöfer
Masters of the universe


Ihr Investmentbanker seid ungemein smarte Jungs, durch Eure Hände fließen jeden Tag etliche Milliarden. Ihr bleckt häufig die Zähne und setzt gerne das allseits bekannte Siegerlächeln Marke Ackermann auf. Andere sollen nämlich gleich auf Anhieb wissen: Mit Euch ist nicht zu spaßen. Außer Euch hat's keiner drauf. Nur Ihr wisst, wo es langgeht, schließlich seid Ihr "masters of the universe". Gegenüber dem gemeinen Volk spürt Ihr höchstens Verachtung, jedoch keinerlei soziale Verantwortung. Warum auch? Bekanntlich wird die Welt vom Geld regiert, Sozialklimbim ist nutzlos und daher vollkommen überflüssig. Das Einzige, das ihr je kostenlos verteilt habt, waren dumme Sprüche. Schon eine Krankenversicherung für alle steht bei Euch unter Sozialismusverdacht.

Okay, in letzter Zeit ist Euer Image etwas angekratzt. Bedauerlicherweise habt Ihr Euch auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ein bisschen verspekuliert. So meldet beispielsweise die weltgrößte Investmentbank, Merrill Lynch, für das vierte Quartal 2007 einen Rekordverlust von 9,91 Mrd. Dollar (6,7 Mrd. Euro), und die Citygroup fuhr im gleichen Zeitraum ebenfalls einen Rekordverlust von 9,83 Mrd. Dollar (6,62 Mrd. Euro) ein. [1] Das sind selbst in Eureren Kreise keine Peanuts mehr. Insgeheim, so wird gemunkelt, sollt Ihr ja Leichen im Wert von mehreren hundert Milliarden im Keller liegen haben. Auweia, wenn das nur gut geht.

Zu Eurer Rettung müssen jetzt sogar ausländische Staatsfonds zu Hilfe eilen. Ihr borgt Euch deren Geld, andernfalls würden Eure Arbeitgeber unter Umständen über den Jordan (sprich pleite-) gehen. Citygroup-Chef Vikram Pandit "will einen Firmenanteil im Wert von 12,5 Mrd. Dollar an verschiedene Investoren verkaufen, darunter einen Anteil für knapp sieben Mrd. Dollar an einen Staatsfonds Singapurs. (...) Bereits nach den Milliardenabschreibungen im dritten Quartal hatte der Konzern eine Finanzspritze in Höhe von 7,5 Mrd. Dollar vom Staatsfonds Abu Dhabis erhalten müssen." [2] Welch eine Schmach. Ist das nicht oberpeinlich? Jetzt müssen Euch schon Schwellenländer unter die Arme greifen. Der Lack blättert aber heftig.

Wie seid Ihr bloß in diese missliche Lage gekommen? Im Geschäftsverkehr zählen Kunden gar nichts, zumindest nicht als Menschen. Es reicht völlig, wenn sie zahlen. Dabei kann es schon einmal vorkommen, dass man den ein oder anderen kräftig übers Ohr haut. Etwa so: "Du bist arm? No problem! Ich gebe Dir Geld für ein Haus oder eine Wohnung. Fast für umme, Du zahlst nur 3 Prozent Zinsen. Dass ich nach zwei Jahren einen Aufschlag von 5 Prozent verlange, verstecke ich im Kleingedruckten. Clever, nicht wahr?"

So kann man das mal mit ein oder zwei Unbedarften machen und sie dadurch in den Ruin treiben. Dass anschließend deren Existenz vernichtet ist, braucht Euch nicht ja zu jucken. Wie gesagt, überflüssiger Sozialklimbim. Aber hat man Euch auf Euren Elite-Unis (Havard, Princeton, Yale oder wie sie alle heißen) nicht beigebracht, dass man eine Zitrone nur solange auspressen kann, wie sie Saft hat? Nicht? Bei uns weiß das der dümmste Bauer. Aus diesem Grund habt Ihr fest ausgepresst. Viel zu fest: Nicht ein oder zwei Kunden, nein, gleich Hunderttausende habt Ihr in den Ruin getrieben. Immer das erstrebte Renditeziel vor Augen.

Jetzt habt Ihr den Salat respektive das Problem. Nun haben viele keinen Saft mehr - und Ihr sitzt dafür auf den Verlusten herum. Jeder Idiot weiß doch: Wenn jemand der Bank 100.000 Dollar schuldet, hat er ein Problem. Wenn 100.000 der Bank Milliarden Dollar schulden, hat die Bank ein Problem. Hier werden lediglich die Marktkräfte wirksam, die Ihr sonst so verehrt. Kaufmännischen Berufsfachschule, erstes Schuljahr, ökonomische Grundlagen der Marktwirtschaft. Wofür zahlt Ihr Euren Elite-Unis eigentlich die horrenden Studiengebühren?

Seid mir nicht böse, aber wenn nicht die ganze Weltkonjunktur durch Euren Dilettantismus in Gefahr wäre, hätte ich für Euch nur ein hämisches Grinsen übrig. Am meisten werden aber vermutlich wieder die Kleinen unter der Krise zu leiden haben, die voraussichtlich ihren Job verlieren. Fragt mich deshalb besser nicht, was ich Euch an den Hals wünsche.

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[1] Spiegel-Online vom 17.01.2008 und Die Welt-Online vom 16.01.2008
[2] Die Welt-Online vom 16.01.2008