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23. Januar 2008, von Michael Schöfer
Wie schnell man zu einem Neoliberalen mutiert


Mein Artikel "Nokia-Werksschließung differenziert betrachten" wurde dankenswerterweise von den NachDenkSeiten erwähnt. Am gleichen Tag schob Wolfgang Lieb auf den NachDenkSeiten quasi eine Distanzierung nach:

Er schreibt: Michael Schöfer "unterstellt zunächst, im Bochumer Werk gehe es um 'einfache manuelle Tätigkeiten' für die es in einer 'führenden Handelsnation' keine Zukunft gebe. Das ist falsch: In Bochum geht es keineswegs um nur um einfache und unqualifizierte Handarbeit. In Bochum ist auch die Forschung und Entwicklung angesiedelt mit hochqualifizierten Technikern und Ingenieuren. Auch das soll 'plattgemacht' werden." Meinen Informationen zufolge können 300 Mitarbeiter des Bochumer Nokia-Werks ihren Arbeitsplatz behalten, wenn der dortige Bereich Forschung und Entwicklung, der sich mit Automobil-Integrationslösungen beschäftigt, wie geplant verkauft wird. Außerdem beteuert Nokia, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Handys am Standort Ulm erhalten zu wollen. [1]

Lieb schreibt weiterhin, mein Artikel folge "eindimensional einer betriebswirtschaftlichen Logik". Hierzu möchte ich auf folgende Passage aufmerksam machen: "Die Schließung des Nokia-Werks wäre nicht so tragisch, wenn die in Kürze arbeitslos werdende Belegschaft bessere Perspektiven hätte. Allerdings sind ja primär die Politiker mit ihrer verfehlten Steuer- und Sozialgesetzgebung schuld daran, dass der Binnenmarkt - im Gegensatz zum Export - mangels Kaufkraft seit langem darniederliegt. Hätten die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche, könnten sie mehr ausgeben. Weil dem aber nicht so ist (die Reallöhne sinken bekanntlich seit Jahren), kann der Binnenmarkt wenig zum Wirtschaftswachstum beitragen. Entsprechend niedrig sind die daraus resultierenden Arbeitsplatzeffekte." Ich kann daher nicht erkennen, die volkswirtschaftliche Perspektive außer Acht gelassen zu haben und rein betriebswirtschaftlich zu argumentieren. Wolfgang Lieb liest offenbar bloß das heraus, was er herauslesen möchte.

"Wer wie ein Betriebswirt nur auf die Arbeitskosten schielt, verkennt dass Handys eben keine Handys kaufen. (...) Arbeit hat einen Doppelcharakter, ihr Preis - der Lohn - schafft auch zahlkräftige Nachfrage nach Handys", schreibt Lieb zu Recht. Kein Widerspruch meinerseits, doch das habe ich sinngemäß an anderer Stelle ebenfalls gesagt, etwa in "Zahlen wir jetzt die Zeche?"  oder "Das Experiment". Auch der Henry Ford entlehnte Satz "Handys kaufen keine Handys" ist mir durchaus bekannt: "Henry Ford (1863-1947) hatte fraglos recht: 'Autos kaufen keine Autos!', weshalb er logisch folgerte: Also müssen Löhne gezahlt werden, die den Arbeitern den Kauf meiner Autos erlauben. 1914 verdoppelte (!) Ford die Löhne seiner Arbeiter auf damals sagenhafte 5 US-Dollar pro Tag. Das Wall Street Journal sprach zwar in jenen Tagen von einem 'Wirtschaftsverbrechen', in der Realität wurde Ford indes glänzend bestätigt. Aber einfache Wahrheiten haben heute scheinbar ihre Gültigkeit verloren." Zu finden in meinem Artikel "Wir stellen die falschen Fragen" vom 13.09.1996. Zudem gilt der Doppelcharakter des Lohns trotz des noch niedrigen Niveaus sicherlich auch für Rumänien. Deswegen mein Hinweis in dem von Lieb kritisierten Artikel: "Darüber hinaus müssen auch die Rumänen von etwas leben. Wenn dort Arbeitsplätze (= Einkommen und Kaufkraft) entstehen, können sie beim Exportweltmeister Deutschland logischerweise mehr kaufen."

"Die Argumentation Schöfers berücksichtigt ferner nicht, dass das unternehmerische Kalkül der Logik des Wettbewerbs durch staatliche Subventionen und des gegenseitigen Lohn- und Steuersenkungswettlaufs folgt - und das noch innerhalb der Europäischen Union. Das kann jedenfalls kein 'linkes' Modell einer Globalisierung sein", kritisiert Lieb. Habe ich das tatsächlich unterschlagen? Bitte genau lesen: "Solange man bei der neoliberalen Wirtschaftspolitik bleibt, ist es einem Unternehmen kaum vorzuwerfen, die Produktion ins kostengünstigere Ausland zu verlagern. Doch wer ist dafür verantwortlich? Dieselben Politiker, die zur Zeit demonstrativ Krokodilstränen vergießen, haben zuvor das internationale Handelssystem so geschaffen, wie es heute aussieht. Sie ernten daher bloß die Früchte ihrer eigenen Politik. Zwar könnte man die Globalisierung anders (d.h. sozialer) gestalten, freilich wird genau das von den jetzt jammernden Politikern seit Jahren hartnäckig abgelehnt. Nicht von ungefähr bezeichnet man die Menschen heutzutage nur noch als 'Konsumenten' oder 'Kostenfaktoren'. Nokia anzuklagen, wenn es sich nach diesem - in meinen Augen inhumanen - Leitbild ausrichtet, ist verlogen." Mir ging es folglich insbesondere um die Heuchelei der Politiker. Gleich eine ausführliche Grundsatzdiskussion um die Globalisierung selbst zu führen, war gar nicht mein Ziel. Oje, und immer dieses Rechts-Links-Schema. Was ist überhaupt links? Ferner ist links bekanntlich nicht gleich links. Streiten wir jetzt etwa um Linientreue? Wie satt ich das habe.

Selbstverständlich steht keiner außerhalb jeglicher Kritik, von daher bin ich für jede Diskussion zu haben. Aber sie sollte sachlich sein. Es hat mich schon gewundert, wie schnell man heutzutage zu einem vermeintlich Neoliberalen mutiert respektive dazu gemacht wird. Sätze aus dem Zusammenhang reißen ist zwar beliebt, aber nicht unbedingt fair.

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[1] Reuters vom 15.01.2008