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28. Januar 2008, von Michael Schöfer
Runter kommen sie alle - irgendwo


Sagt Ihnen "2007 TU24" etwas? Nein? Mit den russischen Flugzeugen namens Tupolew hat er jedenfalls nichts zu tun, wie Sie vielleicht angenommen haben, obgleich die mitunter genauso vom Himmel fallen. "2007 TU24" heißt vielmehr ein etwa 250 Meter großer Asteroid, der am 29. Januar 2008 um 9:33 Uhr MEZ in einer Entfernung von ungefähr 538.000 km, das entspricht der 1,4-fachen Entfernung Erde-Mond, an unserem Heimatplaneten vorbeirasen wird. Das ist zwar, wie die Wissenschaftler beteuern, ein ausreichend sicherer Abstand, dennoch erscheint dieser angesichts der Ausdehnung unseres Sonnensystems als verdammt klein. Haarscharf vorbeischrammen wäre mithin der passendere Ausdruck gewesen. Das Geschoss, das bei einem Einschlag auf der Erde einen Krater mit einem Durchmesser von 10 Kilometern in den Boden reißen würde, ist erst am 11. Oktober vorigen Jahres entdeckt worden. Die Versicherungen, die fast so klingen wie die Routinemeldungen nach einem AKW-Störfall ("Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung"), beruhigen deshalb keineswegs.

Wie viele ähnliche Objekte noch unentdeckt irgendwo da draußen auf uns lauern, ist unklar. "Wissenschaftler erwarten, dass es rund 7000 Asteroiden dieser Grösse gibt, die der Erde nahekommen können: erst ein Teil von diesen Himmelskörper sind bisher entdeckt worden. Ausgehend von dieser Zahl ist zu erwarten, dass rund alle 5 Jahre ein Asteroid nahe an der Erde vorbeifliegt." [1]

Der Mars wird gerade von einem ähnlichen Geschoss anvisiert. Das Objekt mit der Bezeichnung "2007 WD5" drohte ursprünglich sogar auf der Marsoberfläche einzuschlagen, dazu wird es aber nicht mehr kommen. Schade, die Wissenschaftler hatten sich schon gefreut, weil dergleichen noch nie beobachtet wurde. "Der 55 Meter große Asteroid wird (...) am 30. Januar im Abstand von 4.000 Kilometern am Mars vorbei fliegen. Ein Zusammenstoß hätte wahrscheinlich einen 800 Meter großen Krater auf dem Roten Planeten geschlagen." [2] Die Kollisionswahrscheinlichkeit beträgt momentan bloß noch 1:25. Immerhin. Eine Gewinnchance von 1:25 auf den Lotto-Jackpot würde vermutlich einen Run auf die Annahmestellen auslösen.

Am 13. April 2029 wiederum schrammt der Asteroid Apophis, ein 330 Meter langes Projektil, in rund 30.000 km Entfernung an der Erde vorbei. Die Chance, dass es zu einem Einschlag kommt, stehe 1:45.000, heißt es. [3] Der Asteroid wurde am 19. Juni 2004 entdeckt. "Durch die große Annäherung im Jahr 2029 ist die Bahnberechnung in der Folge mit größeren Fehlern behaftet, ein Einschlag auf der Erde im Jahr 2036 oder 2037 kann daher noch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden." [4]

Ob sich die Menschheit gegen ein Geschoss, das mit der Erde zu kollidieren droht, überhaupt wehren kann, ist fraglich. Erstens könnte der Zeitraum zwischen Entdeckung und erwartetem Einschlag zu klein sein, zweitens haben wir für diese Form der Bedrohung keine geeigneten Abwehrmittel parat. So leicht wie im Film "Armageddon - Das jüngste Gericht" ist es nämlich aller Voraussicht nach nicht. Die oben genannten Beispiele zeigen, dass wir uns für solche Fälle wappnen sollten.

Wie hilflos die Menschheit gegenwärtig derartigen Katastrophen ausgeliefert ist, belegt der baldige Absturz eines außer Kontrolle geratenen US-Spionagesatellits, der Ende Februar oder Anfang März auf die Erde stürzen wird. Der Satellit soll 9 Tonnen wiegen und die Größe eines Kleinbusses haben. Der Aufschlagort sei bislang unbekannt, behaupten die Behörden. [5] Wenn wir uns nicht einmal gegen einen 9 Tonnen schweren Satellit schützen können, ist an Schutz vor einem viel größeren und massigeren Asteroid gar nicht zu denken.

Falls Ihnen also morgen um 9:33 Uhr durch einen unerwarteten Schlag das morgendliche Frühstücksei im Halse stecken bleibt, wissen Sie jetzt zumindest warum: TU24. Falls nicht, darf ich Sie hoffentlich bald wieder auf meiner Website begrüßen.

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[1] factum-online vom 28.01.2008
[2] idw - Informationsdienst Wissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn vom 24.01.2008
[3] NZZ-Online vom 20.01.2008
[4] Wikipedia, Apophis (Asteroid)
[5] Frankfurter Rundschau vom 28.01.2008


Nachtrag (29.01.2008 10:45 Uhr):
Es hat nicht gerumst, "2007 TU24" ist tatsächlich - wie vorhergesagt - mit einer Geschwindigkeit von 33.000 km/h an der Erde vorbeigeflogen. Am Frühstücksei ist auch keiner erstickt. Hoffe ich wenigstens. Wenn doch, lag es jedenfalls nicht am Asteroid. Warten wir also auf Apophis. Wiedervorlage 2029.

Nachtrag (21.02.2008):
Die USA haben den außer Kontrolle geratenen Spionagesatellit doch abgeschossen. "Am Mittwochabend um 22.26 Uhr Ortszeit (04.26 Uhr MEZ) traf eine Rakete den Satelliten in etwa 247 Kilometer Höhe über dem Pazifischen Ozean, wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte." [6]

[6] AFP