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25. Februar 2008, von Michael Schöfer
Dieser Stil passt eher zu BILD


Das Schöne an der Meinungsfreiheit ist, dass man alles sagen darf. Zumindest solange es im Rahmen der Gesetze bleibt. In Diktaturen braucht man vor allem Mut, um seine Meinung frei zu äußern. Besonders mutige Dissidenten wurden sogar berühmt (z.B. Alexander Solschenizyn). Der Fluch der Demokratie ist jedoch, dass man in einem Meer von Meinungsäußerungen untergeht. Es ist verdammt schwer, sich hier überhaupt Gehör zu verschaffen. Mut ist nicht mehr notwendig. Ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erreichen, ist die Provokation. Genau diesen Weg scheint Prof. Dr. Klaus Kocks eingeschlagen zu haben.

Kocks Vita ist beachtlich:
  • Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Germanistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum
  • Vorstandsassistent / Ghostwriter Ruhrkohle AG
  • Geschäftsführer Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft IZE
  • Sprecher der Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke in Deutschland
  • Hauptabteilungsleiter Aral AG; Bereichsleiter / Prokurist VIAG AG / VAW aluminium AG
  • Hauptbereichsleiter / Direktor Ruhrgas AG
  • Mitglied des Volkswagen-Vorstandes (Ressort Kommunikation), Generalbevollmächtigter Volkswagen AG
  • Geschäftsführender Gesellschafter der CATO Sozietät für Kommunikationsberatung GmbH und Geschäftsführender Gesellschafter der VOX POPULI Meinungsforschungsinstitut GmbH [1]
Ach, bevor ich es unterschlage, er ist darüber hinaus noch Kolumnist bei der Frankfurter Rundschau. Selbst hier schlägt Kocks gerne über die Stränge. Kostprobe gefällig? Bitteschön:

"Al Gore, einst der große Bremser von Kyoto, der es bisher stets zu Selbstmitleid, aber nie zu irgendeinem Erfolg brachte, der gute Al Gore ist jetzt Weltenretter und Friedensfürst. Zuerst bekam er den Oscar, dann den Nobelpreis", schrieb Kocks am 18.10.2007 in seiner Kolumne. (Der Klima-Rummel) "Ich bin angewidert. Man hört von den Gore-Begeisterten die irrationalsten Dinge: Die Sintflut kommt. Weil es gestern regnete. Es gibt einen Weltuntergang. Denn das ewige Eis schmilzt. Ein eigenartiger Fanatismus zieht in alltäglichste Gespräche ein. Ich persönlich glaube nicht an die Klimakatastrophe, weil ich zu viele negative Utopien kommen und gehen sah. Wenn man den selbsternannten Weltrettern ihr Thema nimmt, schichten sie Scheiterhaufen auf und kramen nach den Streichhölzern. Auch deshalb glaube ich nicht dran."

Das IPCC, der Weltklimarat der Vereinten Nationen, befasst sich seit langem wissenschaftlich (d.h. ganz ohne Kocks'sche Polemik) mit der drohenden Klimakatastrophe und hat dafür in seinen Berichten viele Belege präsentiert. Das ewige Eis schmilzt tatsächlich, in Grönland beispielsweise. "Der Eispanzer der Antarktis stellt den weltweit größten Süßwasserspeicher dar. Zur Zeit wird sein Volumen auf etwa 24.7 Mio. Kubikkilometer geschätzt; ein vollständiges Abschmelzen würde den Meeresspiegel um etwa 56.6 m erhöhen. Der zweitgrößte Speicher ist der Grönländische Eisschild. Sein Volumen wird auf 2.9 Mio. Kubikkilometer geschätzt; sein Abschmelzen würde den Meeresspiegel um etwa 7.3 m ansteigen lassen", sagt zumindest das Max-Planck-Institut für Meteorologie. Fanatismus? Irrational? Für viele Länder, etwa die Niederlande, käme der Anstieg des Meeresspiegels um wenige Meter faktisch einer Sintflut gleich. Aber Kocks zieht es trotz erdrückender Beweise vor, nicht an die Klimakatastrophe zu "glauben". Als ob das Ganze eine Frage des Glaubens wäre. Wie ignorant darf man eigentlich sein?

Zweite Kostprobe: "Hessen wird atomfrei. Ich kenne den alten Mann aus Ahrweiler namens Scheer gut, der diese Idee für Andrea Ypsilanti entwickelt hat. Der Solar-Papst der SPD sieht immer so aus, als wenn er gleich einschliefe, das täuscht aber. Der gehobene Zeigefinger von Lehrer-Lampe-Scheer weist in die Ökodiktatur. Dieser clementfreie Sozi ist ein Uralt-Öko mit dem Ruf, die Menschheit retten zu können. (...) Unter dem Messianischen tun sie es nicht, diese vorsätzlichen Rot-Grünen. Bescheidenheit ist eine Zier, weiter kommt man ohne ihr. Er hat den alternativen Nobelpreis wegen seiner Solar-Verdienste. Die scheint an der Ahr ja auch so gnadenlos, die Sonne. Merkt man dem Ahrwein an, diesem Essigwasser, was da an Sonnenschein drin ist. Dieser selbsternannte Sonnenkönig hat von vielen Dingen grausam wenig Ahnung. Er ist ein Eiferer. Die Zukunft der Automobile sieht er im Batterie-Antrieb. Eine Batterie ist aber eine Chemo-Bombe mit einem Wirkungsgrad am Rande der Vergeblichkeit und dem spezifischen Gewicht eines Räumpanzers. Mignon statt Meiler, das ist Hermann Scheer. Industrie soll in Kleingewerbe zerbröselt werden. Dieser Mister 1,5 Volt soll Wirtschaftsminister in einem Kabinett Ypsilanti werden", kotzt sich Kocks in der FR aus. [2]

Das passt zu einem ehemaligen Vorstands-Mitglied von VW und Hauptabteilungsleiter eines Mineralölkonzerns. Wer hätte auch ausgerechnet von so einem Aufgeschlossenheit gegenüber der Solar-Wasserstoffwirtschaft, wie sie Hermann Scheer propagiert, erwartet? Niemand.

Eine Frage treibt mich um: Reicht schrille Polemik neuerdings aus, um in der linksliberalen Frankfurter Rundschau eine Kolumne zu bekommen? Wäre dazu nicht ein Minimum an Fairness und Kompetenz notwendig? Wer angesichts der Warnungen vor den Veränderungen durch die Klimaerwärmung und der Suche nach alternativen Wegen ständig die Gewitterwolken der "Ökodiktatur" am Horizont heraufziehen sieht, hat sich tief in seiner Ignoranz eingegraben. Zur seriösen FR passt dieser Stil allerdings nicht, Kocks wäre bei BILD viel besser aufgehoben. Bei der Auswahl von Kolumnisten scheint die Frankfurter Rundschau in letzter Zeit ziemlich viel Pech zu haben. [3]

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[1] WDR
[2] Frankfurter Rundschau vom 22.02.2008, Landeshauptstadt Biblis
[3] vgl. Einer Nation, die solche Professoren hat, gehört die Zukunft vom 02.09.2007


Nachtrag (26.02.2008):
Was andere Brancheninsider vom Elektroauto halten, belegt folgende Interview-Passage [4]:

"Frage: Wie weit ist Opel mit der Entwicklung des Elektroautos vorangekommen?
Opel-Chef Hans Demant: Auf der Automesse IAA im vorigen September haben wir dazu die Flextreme-Technologie vorgestellt. Wir glauben, dass wir etwa 2012 ein entsprechendes Auto auf den Markt bringen werden, das mit Hilfe einer Lithium-Ionen-Batterie bis zu 60 Kilometer rein elektrisch betrieben werden kann. Äußerst wichtig ist, die Leistungsfähigkeit der Batterie zu steigern. Daran arbeiten wir zusammen mit potenten Partnern mit Hochdruck.

Frage: Wie weit ist Opel?
Opel-Chef Hans Demant: Erste Tests sind sehr vielversprechend. Ziel ist es, eine Batterie zu entwickeln, die zehn Jahre im Einsatz ist, ohne ersetzt werden zu müssen."

Würde Klaus Kocks an Hans Demant den gleichen Maßstab anlegen wie an Hermann Scheer, müsste er ihn folgerichtig als "Eiferer" titulieren, der "von vielen Dingen grausam wenig Ahnung" hat. Das Interview zeigt, dass die Vorwürfe, die Kocks an die Adresse Scheers sendet, auf ihn selbst zurückfallen. Bloß verbal draufhauen genügt eben nicht, die Einwände sollten schon ein bisschen Substanz besitzen.

[4] Frankfurter Rundschau vom 26.02.2008

Nachtrag (19.03.2008):
Auch "der Münchner Luxuswagenhersteller BMW schwenkt auf Klimaschutz ein und erwägt den Bau eines Elektroautos. 'In diesem Jahr werden wir eine Entscheidung treffen', sagte Konzernchef Norbert Reithofer. Bereits gesichert sei die technische Machbarkeit, ergänzte Entwicklungsvorstand Klaus Draeger." [5] Reibt sich Kocks jetzt wegen der Zustimmung der Automobilbranche zum von ihm verteufelten Elektroauto verwundert die Augen?

[5] Frankfurter Rundschau vom 19.03.2008