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07. März 2008, von Michael Schöfer
Deutschland in dreißig Jahren ein Moslemstaat?


"Die Integration ist gescheitert, nicht allein durch deutsche Versäumnisse, sondern durch zementierte Parallelgesellschaften, in denen täglich massenhaft Dinge geschehen, die mit dem Grundgesetz nicht in Übereinstimmung zu bringen sind", behauptet der bekannte Publizist Ralph Giordano. Im Wesentlichen wendet sich Giordano gegen den Bau einer Moschee in Köln. Ungewohnt liberal, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: "Wir müssen den Muslimen signalisieren: Wenn ihr euch hier integriert, seid ihr willkommen! (...) Die Menschen sind da, wir leben mit ihnen zusammen." Und: "Muslime, die in Deutschland leben, haben das Recht, ihre Religion auszuüben, und damit auch auf eine Moschee." Doch Giordano beharrt darauf: "Die türkisch dominierte muslimische Gesellschaft in Deutschland ist kollektiv nicht integrierbar." [1] Das Streitgespräch ist wirklich sehr lesenswert.

Nach einem Artikel im Feuilleton der Frankfurter Rundschau erschienen dazu teilweise recht geharnischte Leserbriefe. Ein Leserbriefschreiber verstieg sich etwa zu der These, dass "in 30 Jahren (nicht erst in 50) das Grundgesetz demokratisch von der muslimischen Gesellschaft ausgehebelt wird." Dann gebe es auch kein grundgesetzlich garantiertes Widerstandsrecht mehr (Artikel 20 Abs. 4). Im FR-Blog wurde die kontroverse Diskussion unter der provokanten Überschrift "Deutschland in dreißig Jahren ein Moslemstaat?" weitergeführt.

Deutschland in dreißig Jahren ein Moslemstaat? Laut REMID (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e. V.) gibt es hierzulande 3,3 Mio. Muslime - und das bei insgesamt 82,3 Mio. Einwohnern. Das ist eine Quote von lediglich 4 Prozent. Selbst wenn die Anzahl der Muslime jährlich um 3 Prozent steigen würde, wären das in 30 Jahren nur 8 Mio. Mit anderen Worten: Noch lange keine Mehrheit. Schon von den nackten Zahlen her ist ist die Eingangsfrage also eine maßlose Übertreibung. Außerdem ist schließlich nicht jeder Muslim Extremist. Man sollte sich vor irrationalen Übertreibungen hüten.

Religion ist in meinen Augen eine reine Privatangelegenheit. Dies gilt übrigens nicht bloß in Bezug auf Muslime, sondern mit Blick auf alle Glaubensgemeinschaften. Zweifelsohne muss sich jeder an unser Grundgesetz und die demokratischen Prinzipien halten. Das betrifft die Meinungsfreiheit ebenso wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Doch Fanatiker gibt es überall, auch unter den Christen. Wer das nicht glaubt, soll sich mal mit sogenannten "wiedergeborenen Christen" über Evolution oder, sobald es ihre Religion tangiert, über Pressefreiheit unterhalten. Ich glaube, dass man Muslime - langfristig betrachtet - genauso integrieren kann, wie dies in der Vergangenheit mit anderen geschehen ist.

Vor noch nicht allzu langer Zeit haben wir Deutsche schon allein den Gedanken, wir seien ein Einwanderungsland, brüsk zurückgewiesen. Angesichts der Fakten eine Lebenslüge. Folglich müssen alle dazulernen. Aber warum sollte das nicht gelingen? Überhaupt, was wäre denn die Alternative dazu? Muslime aus Deutschland vertreiben? Notfalls mit Gewalt? Das wünschen sich nur - in diesem Fall deutsche - Extremisten. Eine derartige Reaktion würde zudem unseren eigenen Prinzipien widersprechen, die wir ja angeblich so hoch halten.

Nein, zur Integration gibt es keine Alternative. Wie man die konkret ausgestaltet, darüber muss gesprochen und meinetwegen auch gestritten werden. Alles in allem kann ich Wolfgang Schäuble ausnahmsweise nur beipflichten.

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[1] FAZ.Net vom 02.03.2008