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12. März 2008, von Michael Schöfer
Der Mythos lebt


Ein Thema geistert seit Wochen und Monaten durch die Feuilletons sämtlicher Gazetten: Homer und Troja. Der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer Raoul Schrott verlegt Troja in seinem Buch "Homers Heimat" kurzerhand nach Kilikien (in den Südosten der Türkei) und behauptet, Homer sei ein griechischer Schreiber im Dienste der assyrischen Machthaber gewesen. Bislang vermutete man Troja an den Dardanellen (im Nordwesten der Türkei). Homer berichtet in dem ihm zugeschriebenen Epos Ilias, das als das älteste erhaltene Werk der griechischen Literatur gilt, vom Trojanischen Krieg. "Der Krieg, so er denn stattgefunden hat, wird heute auf das 12. oder 13. Jahrhundert v. Chr. datiert. (...) Heinrich Schliemann begann 1871 mit Ausgrabungen am Hügel Hissarlik im Nordwesten der heutigen Türkei und identifizierte die dort von ihm gefundenen Ruinen als das von Homer beschriebene Troja." [1] Raoul Schrott favorisiert dagegen Karatepe als Standort der bronzezeitlichen Stadt.

[Quelle: Wikipedia, Ausgangsmaterial der Türkei-Karte CC BY-SA 2.5-Lizenz,
Urheber: Lencer, Änderungen durch den Autor]


Alles an Homer und Troja ist höchst unsicher. Schon ob es jemals eine historische Person namens Homer gegeben hat, ist umstritten. Das Gleiche gilt für die Epen (Ilias, Odyssee), deren Autor er sein soll. Die Ilias entstand vermutlich um 730 v.Chr., die Odyssee rund 20 Jahre später. "Die literaturwissenschaftliche Frage nach der Urheberschaft Homers wird die Homerische Frage genannt. Hauptsächlich geht es dabei um die Frage, ob Homer tatsächlich Verfasser nur der Ilias oder überhaupt der beiden Epen gewesen sei oder ob unter dem Namen 'Homer' verschiedene Dichter zusammengefasst worden seien, die ältere, mündlich überlieferte Sagen verschriftlicht kompiliert hätten." [2] War Homer, sofern reale Gestalt, lediglich ein Wandersänger oder wirklich ein Schriftsteller? Wie konnte jemand, der im siebten oder achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, einen Krieg beschreiben, der 500 Jahre früher (zwischen 1230 und 1180 v.Chr.) ausgefochten wurde? Und das allein aufgrund mündlicher Überlieferung. Wir wissen es nicht. Insofern ist der Trojanische Krieg vielleicht in der Tat nicht mehr als ein Mythos. Voraussichtlich kann auch Raoul Schrotts provozierendes Buch die Frage nicht abschließend beantworten.

Doch kommt es darauf überhaupt an? Unabhängig davon, wie die Wahrheit konkret aussieht, nichts an der abendländischen Geschichte muss umgeschrieben werden, egal wie die Antwort lautet. Unsere heutige Kultur, unser reales Leben, wird davon nämlich gar nicht berührt. Die Menschen nehmen Homer und den Trojanischen Krieg so zur Kenntnis, wie sie ihn traditionell vorgesetzt bekommen. Was davon real ist, interessiert im Grunde bloß die Experten. Der Mythos lebt. Und nur als solcher zeigt er Wirkung. Das passiert übrigens nicht zum ersten Mal. Ob etwa jemals eine historische Person namens Jesus existiert hat, ist genauso ungewiss. Wir kennen Jesus nur aus dem Neuen Testament. Das älteste Evangelium, das von Markus, ist wahrscheinlich um 66 bis 74 n.Chr. entstanden, also viel später als die Ereignisse, auf die es Bezug nimmt. [3] Zeitgenössische historische Quellen schweigen sich über ihn aus. Dennoch gibt es auf der Erde ungefähr 2,1 Mrd. Christen, das Christentum ist damit sogar die größte Religion der Welt. Anschaulicher kann man die Macht von Mythen nicht demonstrieren.

Legenden wurden seit jeher bewusst unter das Volk gebracht. Ob nun als Religion oder in anderer Form. So soll beispielsweise die Rede des Häuptling Seattle eine Fälschung sein, trotzdem kennen wir wohl alle seine eingängige Warnung und verwenden sie gerne, wenn es um ökologische Fragen geht: "Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr herausfinden, dass man Geld nicht essen kann." Hat er nicht recht? Der Mythos fiel auf fruchtbaren Boden und gedieh.

Die Grünen werden sich kaum auflösen, selbst wenn man den Text mit Sicherheit als Fälschung entlarvt. Mythen erschaffen auf diese Weise ihre eigene Realität, völlig losgelöst von der Frage, ob sie je materielle Gestalt besaßen oder nicht. Legenden, die um Politiker und andere Prominente gestrickt werden, gibt es wie Sand am Meer. Heutzutage kann praktisch niemand ohne ein Image, das von professionellen Beratern kreiert wird, Erfolg haben. Wir votieren demzufolge bei Wahlen nicht für eine reale Person, sondern vielmehr für ihr Image, das man in unsere Köpfe gepflanzt hat. Der Politiker XY mag objektiv gesehen ein arrogantes, ungebildetes Arschloch sein. Das ist jedoch vollkommen irrelevant, solange wir ihn subjektiv als volksnah und intelligent wahrnehmen. Und dieses subjektive Empfinden kann man künstlich erzeugen. Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) nennen wir das Ganze üblicherweise. Welche Bedeutung sie hat, zeigt Google: Bei einer Recherche mit dem Begriff "Public Relations" kommt die Suchmaschine auf 74,3 Mio. Treffer.

Was ist noch real, werden Sie jetzt fragen. Zu Recht. Beziehen wir die moderne Physik (Quanten- und Relativitätstheorie) mit ein, fast nichts. Zumindest können wir mit gutem Grund an allem zweifeln. Richtig ist: Wir nehmen von der Welt nur ihren Schein wahr, nicht ihre Substanz. So gesehen leben wir beinahe ausschließlich mit Mythen - ob in Bezug auf Troja, Homer, Politiker oder andere Dinge. Wir können folglich schwer zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Entmythisierung ist ein mühsamer Prozess. Manchmal lösen Mythen einander bloß ab, und so hangeln wir uns von einer vermeintlichen Wahrheit zur nächsten. Wer anderer Meinung ist, dem empfehle ich, sich mit der Geschichte der Philosophie zu befassen: Zahlreiche Philosophen mit noch zahlreicheren Theorien.

Raoul Schrott mag sich irren, aber er hat wenigstens eines erreicht: Sein Buch hat die Diskussion um Troja und Homer einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Troja und Schliemann wurden normalerweise in einem Atemzug genannt. Wie wir sehen, ist das nicht so selbstverständlich, wie es uns bisher erschien. Unter Umständen werden einige dazu angeregt, sich näher mit der Materie zu befassen. Und wenn es uns generell skeptischer gegenüber Mythen werden lässt, hat er viel erreicht.

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[1] Wikipedia, Trojanischer Krieg
[2] Wikipedia, Homer
[3] Wikipedia, Evangelium nach Markus