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14. März 2008, von Michael Schöfer
Die Schwarzmaler und die Finanzkrise


Wir schreiben das Jahr 1929, es ist Freitag, der 29. Oktober. Dieser Tag wird als "Schwarzer Freitag" in die Geschichte eingehen. An der Wall Street ist der Teufel los, die auf Pump basierende Hausse bricht unter einer lawinenartig anschwellenden Panik zusammen. Das Ergebnis ist hinreichend bekannt: Die gesamte Weltwirtschaft stürzt in eine tiefe Depression, von der sie sich lange Zeit nicht mehr erholen wird. Ob es in Deutschland die Machtergreifung der Nazis ohne das vorherige Platzen der Börsenblase überhaupt gegeben hätte, ist zumindest umstritten. Wie auch immer, nachdem der Dow Jones-Index um satte 85 Prozent absackte, sollen sich etliche pleitegegangene Spekulanten aus dem Fenster gestürzt haben.

Wir schreiben das Jahr 2008, es ist Freitag, der 14. März. Die aus der Subprime-Krise resultierenden Turbulenzen greifen langsam aber sicher auf die Realwirtschaft über. Um eine Rezession zu verhindern, erwägt die amerikanische Regierung, Ramschanleihen zu kaufen und gegen niedrigverzinste Darlehen einzutauschen. Außerdem senkt die US-Notenbank den Leitzins. Nervosität macht sich breit. Der Handel unter den Banken ist praktisch zum Erliegen gekommen. Weil niemand die Risiken abschätzen kann, die der jeweils andere im Keller versteckt, ist die Kreditwürdigkeit dahin. Ihre Bereitschaft, längerfristig Geld zu verleihen, tendiert gegen null. Schuldverschreibungen von Unternehmen sind bloß noch gegen einen happigen Aufpreis zu veräußern. Risikozuschlag nennt man das. Selbst Staatsanleihen aus Italien oder Griechenland geraten unter Druck.

Und zu allem Überfluss taumeln jetzt auch noch die Hedge-Fonds und reißen womöglich tiefe Löcher in die Bilanzen der Banken. Der börsennotierte Hedge-Fonds Carlyle Capital hat Schulden in Höhe von über 20 Mrd. US-Dollar und steht kurz vor dem Kollaps. "Seit der Gründung 1987 hat Carlyle Firmen im Wert von 229,3 Milliarden Dollar aufgekauft - zum größten Teil auf Pump. 'Nur' 43 Milliarden Dollar, weniger als ein Fünftel der Investitionssumme, stammten aus eigenen Mitteln. Den Rest liehen Banken." [1] Andere Hedge-Fonds sollen ebenfalls auf der Kippe stehen. Ob das alle Banken heil überstehen, ist fraglich. Und wenn erst einmal ein Kreditinstitut zusammengebrochen ist, könnten andere folgen. Der Domino-Effekt lässt grüßen. Banken, Versicherungen, Unternehmen.

Wo, bitteschön, bleibt der Optimismus? Man soll die Krise in der Krise nicht beim Namen nennen, sondern positive Nachrichten verbreiten. "Trotz der US-Hypothekenkrise steigt das Interesse an alternativen Anlageklassen. Pensionsfonds und Stiftungen stecken ihr Geld zunehmend in Hedge-Fonds. Damit wollen sie ihre Kapitalanlagen breiter diversifizieren und die Rendite ankurbeln." [2] Ist das positiv genug? Die zukünftigen Rentner, die um ihre Altersvorsorge bangen, werden das vermutlich anders bewerten. Viele dürften sich inzwischen große Sorgen machen und die Investoren für verrückt halten. Aber die Riester-Rente ist sicher, behauptet zumindest die Bundesregierung. Nun, alle Papiere im Bestand von Carlyle genossen einst die höchste Bonitätsnote "AAA". Genügt das als Hinweis?

Die Kritiker des Deregulierungswahns gelten als Schwarzmaler, die selbstverständlich keinerlei Ahnung vom Geschäft haben. Dazu als kleiner Fingerzeig: "Als der Statistiker Roger Ward Babson im September 1929 vor einem Crash warnte, machte er sich zunächst zum Gespött der Finanzwelt." [3] Wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Obgleich einem angesichts der drohenden Weltwirtschaftskrise eigentlich gar nicht zum Lachen zumute ist.

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[1] Focus vom 14.03.2008
[2] Handelsblatt vom 13.03.2008
[3] Financial Times Deutschland vom 13.03.2008

Nachtrag (17.03.2008):
"Die drittgrößte US-Bank JP Morgan Chase übernimmt die ins Trudeln geratene Investmentbank Bear Stearns." [4] "Bear Stearns war als bisher prominentestes Opfer der Finanzkrise in Not geraten. Die fünftgrößte US-Investmentbank litt im Zuge der Hypothekenkrise unter massiven Liquiditätsproblemen. Ende vergangener Woche war Bear Stearns die Liquidität weitgehend ausgegangen und musste darum eilig von JP Morgan Chase und der regionalen Notenbank von New York gestützt werden." [5] Wahrscheinlich nicht die letzte Rettungsaktion, die notwendig ist.


[4] Handelsblatt vom 17.03.2008
[5] Financial Times Deutschland vom 17.03.2008