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18. März 2008, von Michael Schöfer
Oh, diese "Experten"


Für die meisten Ökonomen, insbesondere in Deutschland, ist Wirtschaft eine glasklare Sache. Die Mechanismen der Marktwirtschaft werden von ihnen geradezu in den Stand von Naturgesetzen erhoben, an denen zu zweifeln gar nicht erlaubt ist. Aus diesem Grund verkünden sie ihre Lehre mit dem Anspruch höchster Wissenschaftlichkeit und betrachten Skeptiker bestenfalls mit Geringschätzung. Selbstzweifel kennen sie keine, denn sie haben für jede Situation eine passende Ausrede parat. Zum Beispiel, warum der Aufschwung auf sich warten lässt. Und ebenso, warum er anhält. Doch wenn man ihre Aussagen miteinander vergleicht, stehen sie bisweilen da wie der Kaiser in Andersens Märchen: ohne Kleider!

So etwa Hans-Werner Sinn, der Präsident des ifo-Instituts (von BILD zum "klügsten Wirtschaftsprofessor Deutschlands" erkoren): "Das ifo-Institut schwelgt in Boom-Prognosen. (...) Der robuste Konjunkturaufschwung in Deutschland wird sich nach Einschätzung des ifo Instituts noch jahrelang fortsetzen und dem Arbeitsmarkt weiteren Schwung verleihen. (...) Wolken am Konjunkturhimmel gebe es derzeit eigentlich nicht, zumal auch die Weltwirtschaft in Fahrt bleibe und sich lediglich etwas abflachen werde. (...) 'Wir sind in einer fantastischen, tollen Situation, in der die großen Kontinente gleichzeitig im Aufschwung sind. Das hat man selten.' Zwar folge auf einen Aufschwung immer auch eine Flaute, 'aber eben noch nicht so bald', sagte Sinn" vor nahezu neun Monaten. [1]

Wer sich damals angesichts der optimistischen Prognose Hans-Werner Sinns beruhigt zurückgelehnt hat, reibt sich jetzt verwundert die Augen. Nicht nur über die wirtschaftlichen Turbulenzen infolge der Finanzmarktkrise, sondern - sofern man sich daran erinnert - vor allem über Hans-Werner Sinn selbst. Denn heute prophezeit er etwas ganz anderes: "Die Party ist vorbei", behauptet Sinn plötzlich. "'Es gilt noch immer der Satz: Wenn die Amerikaner husten, kriegt die Welt einen Schnupfen - und dazu gehören auch wir in Deutschland', sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn im Deutschlandfunk. In der Phoenix-Sendung 'Unter den Linden' hatte er bereits am Montagabend erklärt, aus Amerika zögen 'ohne Zweifel dunkle Wolken heran.' Der aktuelle Kurseinbruch am Aktienmarkt sei 'genau das, was zu erwarten ist. Die Kurse sind insbesondere in Amerika sehr stark überhöht, wenn man sie mit dem langfristigen Mittel vergleicht. Das ist wieder auf Normalniveau zurückzuführen.' Was auch immer geschieht, die Party ist vorbei. (...) Nachdem sich die USA immer mehr auf eine Rezession zubewegten, sei der Boom der Weltwirtschaft zu Ende." [2]

Aha, was sich also vor neun Monaten angeblich noch "jahrelang fortsetzen" sollte (der Aufschwung), ist mit einem Mal dahin. "Wolken am Konjunkturhimmel" sah Sinn im Sommer 2007 keine, heute ziehen dagegen "ohne Zweifel" dunkle Wolken heran. Im vorigen Jahr jubelte er noch über die seiner Meinung nach "fantastische" und "tolle" Situation, inzwischen ist der Kurseinbruch jedoch "genau das, war zu erwarten ist". Es ist unbestreitbar: Im letzten Juni hat sich "der klügste Wirtschaftsprofessor Deutschlands" total geirrt. Offenbar reagiert Hans-Werner Sinn bloß auf die jeweils aktuelle Situation und gibt auf ihrer Grundlage seine "Prognose" ab. Aber wenn Gewitterwolken aufziehen, kann man leicht Regen voraussagen. Das Gleiche gilt für Sonnenschein an einem wolkenlosen Morgen. Doch ist das besonders intelligent? Wohl kaum. Wetterfrosch Jörg Kachelmann würde sich jedenfalls mit dieser Vorgehensweise todsicher blamieren. Hans-Werner Sinn hingegen wird immer wieder als "Experte" gehört, so als seien seine Worte gültig bis in alle Ewigkeit. In Wahrheit stochert Sinn nur im Nebel herum. Bestimmt könnte uns der ifo-Präsident wortreich erläutern, warum er damals recht hatte und heute ebenfalls recht hat. Die "Experten" können die Aura der absoluten Weisheit allerdings bloß deshalb konservieren, weil sich der durchschnittliche BILD-Leser oder Talk-Show-Seher gar nicht an frühere Aussagen erinnern kann. Mir können solche "Experten" gestohlen bleiben, sie haben sich nämlich schon seit langem selbst entzaubert. [3]

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[1] Der Tagesspiegel vom 25.6.2007
[2] Handelsblatt vom 18.03.2008
[3] siehe hierzu Was sind Gutachten eigentlich wert?