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02. April 2008, von Michael Schöfer
Moralapostel


Kürzlich sah ich einen Krimi, darin fragte eine Psychologin ihre Patientin: "Ist der Sex mit ihrem Mann normal?" Woraufhin diese zurückfragte: "Was verstehen Sie unter normal?" "Na, langweilig", antwortete die Psychologin desillusioniert. Ist beim Sex Normalität wirklich ein Synonym für Langeweile? Viele befürchten das. Und um der Langeweile zu entkommen, muss Sex schmutzig sein. Oder sagen wir ausgefallen. Zumindest behaupten das manche. Die Zeiten, in denen es einem Skandal gleichkam, wenn Frauen beim Sex oben liegen, sind zum Glück längst vorbei.

Doch das tut der Heuchelei nach wie vor keinen Abbruch. Zwar macht die Pornoindustrie im Internet riesige Gewinne, Beate Uhse muss ebenfalls nicht darben, aber offiziell bekennt sich keiner dazu, mehr als Blümchensex zu praktizieren und Nutzer derartiger Angebote zu sein. Nach außen hin spielen alle gern den Harmlosen, nutzen tun das immer nur die anderen. Selbstverständlich.

Mitunter wird diese Doppelmoral einigen zum Verhängnis. So musste etwa vor kurzem der Gouverneur des Staates New York, Eliot Spitzer, zurücktreten, weil er die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nahm. Legendär geworden ist die Affäre, die der Demokrat Gary Hart mit einem Fotomodell hatte. Seinerzeit (1988) bedeutete sie für ihn das vorzeitige Aus im Kampf um die Präsidentschaft. Merke: Außereheliche Affären darfst du haben, du darfst dich dabei bloß nicht erwischen lassen. Wenn doch, stehst du am Pranger. Alles überwunden? Kommt nur in den prüden USA vor? Mitnichten, Horst Seehofer (CSU) kann ein Lied davon singen.

Der Langweile zu entfliehen versuchte auch der Präsident des Welt-Automobilverbandes, Max Mosley. Sein Pech: Das britische Boulevardblatt "News of the World" veröffentlichte im Internet ein Video, das ihn bei Sado/Maso-Spielchen mit fünf Prostituierten zeigt. Vorerst will Mosley allerdings im Amt bleiben. Zurücktreten musste jedoch der finnische Außenminister, weil er mehr als 200 SMS an eine Striptease-Tänzerin geschickt hat. Der 60-jährige Politiker war der 29-Jährigen offenbar total verfallen. Kann ja mal passieren. Aber warum kostet so etwas gleich das Amt, ist es nicht vielmehr zutiefst menschlich? Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Die oberste moralische Instanz in Sachen Sex ist natürlich die Katholische Kirche. Keine Organisation, außer vielleicht die Pornoindustrie selbst, beschäftigt sich bis in die kleinste Verästelung hinein so intensiv mit allen Schattierungen der Sexualität. Oft mit kuriosen Auswirkungen: In Fulda darf zum Beispiel eine Drogerie keine Kondome verkaufen, weil sich der Laden in einem Haus befindet, das der Kirche gehört. Im Mietvertrag gebe es eine Sittenklausel, heißt es. Womöglich ist sie damit deutschlandweit die einzige Drogerie, die keine Kondome führt. Oder besser: führen darf. Kleriker sind eben unschuldige Engel, so rein wie Weihwasser. (Achtung: Ironie)

Ich habe diese Moralapostel gründlich satt. Und die Presse, die solche "Fehltritte" genüsslich der Öffentlichkeit präsentiert, ebenfalls. Es wird Zeit, dass wir Politiker nach ihrer Politik beurteilen, und nicht danach, mit wem sie ins Bett gehen bzw. was sie dort treiben. Insgeheim träumt der Durchschnittsspießer vom "unmoralischen" Leben, das ihm andere vorexerzieren. Offiziell wendet er sich zwar entrüstet ab, doch beim Lesen der Boulevardpresse läuft ihm unverkennbar der Sabber herunter. Lechz! Aber im Grunde geht ihn das gar nichts an. Jeder hat ein Recht auf Privatsphäre - auch Promis.

Dass sich ausgerechnet die Boulevardpresse, die ständig halbnackte Frauen ablichtet, als Sittenwächterin aufspielt, halte ich ohnehin für ziemlich unverfroren. Ist das große Interesse an derartigen Geschichten schon ein Anzeichen für Kulturverfall? Vermutlich. Jedenfalls gibt es wesentlich wichtigere Probleme als die Frage, mit wem ein den meisten bislang unbekannter Gouverneur seine Frau betrügt. Sollen uns die Inszenierungen der scheinbaren Verruchtheit anderer nicht bewusst von der Beschäftigung mit den wichtigen Fragen ablenken? Man könnte es fast glauben. Noch hinter dem dümmsten Blatt steckt angeblich ein kluger Blattmacher. Solange es genug Dumme gibt, die ihm sein Produkt abkaufen, ist diese Behauptung nicht einmal falsch.